Zum 90. Geburtstag

Für Jürgen Habermas ist das Gespräch die Quelle der Einsicht

Peter Winterling

Von Peter Winterling

Di, 18. Juni 2019 um 20:10 Uhr

Kultur

Wie einst für Platon ist auch bei Jürgen Habermas nicht das geschriebene Wort, sondern das lebendige Wort des Gesprächs die Quelle der Einsicht. Heute wird er 90, im Herbst erscheint sein neues Buch.

Die Erfahrungen der Menschen sind verschieden, ihre Meinungen ebenso. Gespräche über diese Meinungen führen oft in Sackgassen, weil die Voraussetzungen eigenen Urteilens im Dunkeln bleiben. Philosophen von Platon bis Habermas haben immer wieder in verschiedenen Anläufen versucht, dieses Dunkel aufzuhellen. Sie betonen zwei Dinge: Erstens besitzen vorgebrachte Argumente ein Fundament, dessen Tragfähigkeit geprüft werden kann; zweitens können Menschen als sprachfähige Wesen niemals sinnvoll aus einer Kommunikation mit anderen aussteigen, um ihre Deutungen rein für sich zu bewahren. Denn davon haben sie nichts.

Der Skeptizismus ist demnach entweder mit individuellem Rückzug oder mit aufgezwungener Herrschaft verbunden, manchmal mit beidem zugleich: Ich interpretiere meine Erfahrungen, propagiere daraus eine Meinung oder einen Glauben (dóxa), und du hast dich gefälligst dieser Interpretation anzuschließen. (Das Leid vieler Schüler und Studenten.)

Wie wäre dann Erkenntnis möglich, die dieses Risiko vermeidet? Platon prüft in seinen Dialogen, ob die von den Sophisten immer neu behaupteten Kombinationen ungeklärter Begriffe überhaupt stimmig sind. Jürgen Habermas, ein Schüler und Fortsetzer der "Kritischen Theorie", prüft die Beziehungen zwischen realen gesellschaftlichen Bedingungen und einer behaupteten, aber oft nur vorgetäuschten Rationalität (Vernünftigkeit) dieser Gesellschaft. Er demaskiert eine selbstzufriedene "Ideologie" des Kapitalismus, der die Menschen umstandslos in seinen Dienst stellt. Auch der Sozialstaat breitet "ein Netz von Klientelverhältnissen" über der Bürgergesellschaft aus und lähmt die Fähigkeit zu Rückfragen nach Sinn und Bedeutung. Habermas übernimmt dabei einen leider ungenauen Begriff des späten Edmund Husserl, den der "Lebenswelt": Sie bildet den unbefragten Hintergrund, vor dem die Menschen ihr Leben führen und einrichten. Und diese Lebenswelt werde "kolonisiert".

Wie kein anderer Philosoph unserer Zeit hat Jürgen Habermas in seinem Leben ungeheure Bestände anderer Theorien über das Ich und die Gesellschaft kritisch zusammengefasst und in seine enorme Zahl von Büchern, Aufsätzen und Essays eingearbeitet. Während sich seine Ziehväter Adorno und Horkheimer im amerikanischen Exil vor dem hemdsärmeligen Pragmatismus ihrer Kollegen dort drüben grausten und auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland die idealistische kontinentaleuropäische Tradition ängstlich bewahrten, setzte Habermas weltoffen und furchtlos das abgebrochene Projekt einer "Dialektik der Aufklärung" fort. Es galt, nicht die Augen zu verschließen vor einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die sich selbst im Gefolge der Aufklärung als sehr emanzipatorisch versteht und aus wachsendem Wohlstand und parlamentarischer Demokratie einen außerordentlichen Grad an Legitimation schöpft.

Doch Habermas schaut kritisch auf die Ränder, an denen diese Legitimation fragwürdig ist. So tadelte er in einem Gespräch der Zeit im Mai 1991 über das im Hau-Ruck-Verfahren frisch vereinigte Deutschland, "der Modus des Beitritts habe vier Fünfteln der Wahlbevölkerung die Chance genommen, sich frei zu entscheiden": Sie seien gar nicht gefragt worden. Das war allerdings nicht ganz fair, denn es hatte freie Wahlen gegeben, nach denen eben politische Weichen gestellt wurden.

Auch im "Historikerstreit" von 1986 konnte man Habermas’ scharfe Entgegnung auf den Vergleich der Vernichtungslager Stalins mit denen Hitlers durch den Berliner Historiker Ernst Nolte als ein Missverständnis deuten. Es rauschte gewaltig im Blätterwald über diese vermeintliche Reinwaschung des deutschen Gewissens, und noch heute kämpfen die deutschen Historiker (wie kürzlich beim Historikertag in Münster) gegeneinander – in der Frage nach den ethischen Normen ihrer Analysen und Darstellungen.

Jürgen Habermas hält dagegen an der Idee einer Freiheit des sich mitteilenden und kritisch hörenden Subjekts in den Zwängen der "verwalteten Welt" des Kapitalismus fest. (Martin Heideggers viel radikalere Kritik der Neuzeit als einer irrtümlichen Selbstermächtigung des pseudo-autonomen Subjekts im unverstandenen Sein mit unweigerlich katastrophalen Folgen für die Welt, konnte Habermas weder angemessen verstehen noch aufnehmen.) Aber immer wieder hat er lebenslang an einem "Diskurs, in dem grundsätzlich jede Seite von der anderen lernen kann", festgehalten – bei aller Verschiedenheit der Lebenswelten.

Er hält fest am Diskurs, in dem jede Seite von der anderen lernen kann

Dabei hat Habermas, obwohl ein Meister der begrifflichen Differenzierung und der streng argumentierenden Wissenschaftssprache, weder den gewaltigen Unterschieden des Sprachgebrauchs innerhalb der Gesellschaft noch der Macht der bürgerlichen Intellektuellen, die im erfahrungsarmen Gefängnis ihrer Ausdrucksweise sitzen, angemessen Rechnung getragen. Denn sowohl dem Auftreten der Intellektuellen in Vortrag und in den Medien als auch ihrem Sprachgebrauch selbst wohnt ja eine Herrschaft inne, die Habermas’ Lehrer Theodor W. Adorno, weil dieser der Kunst und der Literatur näher stand, viel schärfer gesehen hat als der Schüler. (Die Revolte gegen diese Macht, jeglichem Diskurs Hohn lachend und die Demokratie nun ganz anders auslegend, findet heute in der entfesselten Medienwelt des Internets statt.)

Jürgen Habermas, geboren am 18. Juni 1929 in Düsseldorf, entging als Jugendlicher nur knapp der Einberufung zum "letzten Aufgebot".

Er ist das Kind eines bürgerlich-liberalen, von protestantischer Pflichterfüllung geprägten, rheinisch-oberbergischen Elternhauses. Er studierte in Göttingen, Zürich und Bonn, promovierte dort 1954 über Schellings "Weltalter", heiratete 1955 Ute Wesselhoeft, mit der er drei Kinder hat, habilitierte sich 1961 bei Wolfgang Abendroth in Marburg mit einer längst zum Klassiker gewordenen historisch-soziologischen Studie über den "Strukturwandel der Öffentlichkeit". Er bekleidete Professuren an den Universitäten von Heidelberg, Frankfurt am Main und New York, leitete gemeinsam mit dem Physiker Carl-Friedrich von Weizsäcker das später aufgegebene "Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt" in Starnberg, wo er, als vielfach preisgekrönter Emeritus, heute noch zu Hause ist.

Literatur


Im Herbst erscheint bei Suhrkamp Jürgen Habermas’ neues Buch. Unter dem Titel "Auch eine Geschichte der Philosophie" geht es in dem angekündigten zweibändigen 1700-Seiten-Werk um Glauben und Wissen. "Habermas zeichnet nach, wie sich die Philosophie sukzessive aus ihrer Symbiose mit der Religion gelöst und säkularisiert hat", kündigt der Verlag an. Im Jubiläumsjahr erscheint auch zahlreiche Bücher über sein Denken, Werk, Bedeutung und Wirkung. An "Habermas global. Wirkungsgeschichte eines Werks" haben rund 30 Autoren aus 15 Ländern mitgearbeitet. Roman Yos beschäftigt sich in "Der junge Habermas" mit der "ideengeschichtlichen Untersuchung seines frühen Denkens". Bei der Cambridge University Press bekommt Habermas ein eigenes Lexikon mit 200 Einträgen.

Habermas’ Einfluss auf die Sozialwissenschaften weltweit, auf die Pädagogik und selbst auf die evangelische Theologie in Deutschland ist nicht hoch genug zu schätzen. Auch seine philosophischen Gegner rühmen seine Offenheit und Gesprächsbereitschaft, seine stets aktualisierten Kenntnisse der aktuellen "Zeichen der Zeit". Gefürchtet sind seine messerscharfen, oft auch nur polemischen Formulierungen in Essay und Interview. Seine Themen sind das schwierige Verhältnis von Staat und Gesellschaft, von moralischen und rechtlichen Normen unter der Voraussetzung subjektiver Freiheit, die jenseits aller Erfahrung eben angenommen werden müsse. Auch die Berufswelt der verantwortlichen Journalisten in ihren Debatten und Konferenzen verdankt ihm viel.

Wie einst für Platon ist auch bei Jürgen Habermas nicht das geschriebene Wort, sondern das lebendige Wort des Gesprächs die Quelle der Einsicht. Er hat seinen Lesern eine solche Fülle von theoretischen Überlegungen ausgebreitet, dass jeder für das eigene Gespräch und die eigene Kritik daraus schöpfen kann. Heute feiert er seinen 90. Geburtstag.