Für Querdenker und Unangepasste

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Sa, 12. Oktober 2019

Lörrach

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger hielt im Werkraum Schöpflin ein Plädoyer für mehr Kreativität in Unternehmen.

LÖRRACH. Deutschland lässt zu viele Talente verkümmern. Lieber produziert man mehr vom Gleichen, statt Querdenken und Vielfalt zuzulassen und damit Kreativität und Innovation zu fördern. Kein Wunder ist Deutschland in Sachen Zukunftsfähigkeit nur noch auf Platz 17. Im Werkraum Schöpflin sprach sich Thomas Sattelberger, Bundestagsabgeordneter der FDP, für einen stärkeren Fokus auf Bildung aus.

Thomas Sattelberger hat für Daimler und Lufthansa gearbeitet und war lange Zeit Personalvorstand der Deutschen Telekom. Politiker wurde er erst im Rentenalter. Daneben engagiert er sich für die Zukunftsallianz Arbeit & Gesellschaft. Die Schöpflin-Stiftung hatte ihn im Rahmen der Gesprächsreihe "Zukunft ist jetzt! Impulse für eine zeitgemäße Bildung" eingeladen. Das Bürgerrecht auf Bildung sei erst nach dem Zweiten Weltkrieg umgesetzt worden, sagte Sattelberger. Heute stehen Effizienz und Produktivitätssteigerung im Fokus, doch dass Talent Effizienz schaffe, werde vergessen.

Umbrüche wie die digitale Transformation verlangten Kreativität und die Bereitschaft zu experimentieren. "Aber warum hat Deutschland so viele Automobilunternehmen und nur eine SAP?" fragte Sattelberger. Hier herrsche die Industriegesellschaft, die reproduziere, statt experimentiere. "Das Verharren in alten Industriestrukturen verhindert den Aufbruch zu kreativen Formen in der Bildung", sagte er. Was Zukunftsfähigkeit, Engagement für Bildung und die Verfügbarkeit von Fähigkeiten angeht, stehe Deutschland auf Platz 17. Die ersten Plätze belegen Singapur, Hongkong, die USA und die Schweiz.

Während die DAX-Vorstände wie geklont und immer austauschbarer sind, sind unter den 20- bis 29-Jährigen 2,1 Millionen ohne Berufsausbildung – Talente, die verloren gehen. 74 Prozent der Akademikerkinder studieren, aber nur 21 Prozent der Arbeiterkinder. Auch Frauen werden ausgegrenzt. 54,5 Prozent Mädchen machen Abitur, aber nur 29,2 Frauen sind in Führungspositionen. Homogenität verhindert Innovation, und Unternehmen, die nicht im Stande sind, alte Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln, werden scheitern. "Unterschiede in der Perspektive machen Talent aus. Gesellschaften, die sich nicht öffnen und kontrolliert Vielfalt zulassen, werden zurückfallen und scheitern", sagte Sattelberger. Er brach eine Lanze für Querdenker, Unangepasste und kritisch Hinterfragende.

Wenn man Talente ausschöpfen wolle, müsse man Andersartigkeit zulassen und brauche neue Organisationsformen. Man müsse Input aus fachfremden Bereichen ermöglichen, Orte zur Verfügung stellen, wo sich Kreativität entfalten kann und die nötige Zeit dafür gewähren. Führung solle mehr Coaching als Anordnung sein, und die alten Führungsstrukturen sollten ausgewechselt werden. BMW, berichtete Sattelberger, habe sein Elektrofahrzeug i3 in einem eigenen Werksgelände mit eigener Zugangsberechtigung entwickelt, weil befürchtet wurde, dass die Benziner das Projekt kaputt machen.

Beim Bildungssystem stellte er gar die Frage, ob es gescheitert sei. Auch hier brauche es Orte, wo man etwas sinnlich erfahren kann. Nötig sei nicht nur effizienzorientiertes Wissen, sondern Experimentierfreude, Kreativität und die Fähigkeit, mit veränderten Situationen umzugehen. "Wir brauchen mehr Montessori, mehr Raum für Sport, Ästhetik, bildende Künste oder Handwerk", sagte Sattelberger. Vehement sprach er sich dafür aus, viel mehr Geld ins Bildungssystem zu stecken. Dazu müssten Mittel umgeschichtet werden, etwa indem man die Rente mit 63 zurücknimmt.

Im Gespräch mit Constanze Wehner und Tim Göbel von der Schöpflin-Stiftung sowie dem Publikum riet er jungen Leuten zu Lehr- und Wanderjahren, statt sofort nach der Ausbildung eine dauerhafte Stelle anzustreben, die es eh kaum noch gibt. Er rät jungen Leuten auch, in junge, kreative Unternehmen zu gehen statt in die alten Konzerne. "Die digitale Welt der Zukunft wird gleichzeitig eine Renaissance des gehobenen Handwerkertums sein", sagte Sattelberger. Grundsätzlich sprach er sich für mehr Räume für Kreativität aus. "Je mehr Diversität ich mir ermögliche, umso fester und stabiler gestalte ich mein Leben", stellte er fest.