EM-Start von Deutschland

Gegen die Franzosen gilt es, auch mal eklig zu spielen

Jan Christian Müller

Von Jan Christian Müller

Mo, 14. Juni 2021 um 20:00 Uhr

Fußball-EM

Die deutschen Nationalspieler wissen, dass im Duell mit Frankreich nicht nur attraktiver Fußball wichtig ist. "Es kann sein, dass wir den Ballbesitz größtenteils abgeben müssen", so Ilkay Gündogan.

Es ist ein milder Sommerabend in Marseille am 7. Juli 2016, Halbfinale der Europameisterschaft im Stade Velodrome: Frankreich gegen Deutschland. Als der Weltmeister dann 0:2 verloren hat, sagt Bundestrainer Joachim Löw: "Wir waren die bessere Mannschaft. Wir hatten den Franzosen etwas voraus." Die Pose eines Verlierers war das damals nicht. Fünf Jahre später sind die Vorzeichen umgekehrt: Heimrecht für Deutschland, den Weltmeister zu Gast. Damals war Deutschland Favorit, diesmal ist es Frankreich.

Es wird an diesem Dienstag eine deutsche Elf in die Münchner Arena einmarschieren, deren offensiver Geist, der sie 15 Jahre lang durch die Ära Löw trug, sich hinter ein paar Barrikaden versteckt. "Frankreich spielt sehr variabel. Wir müssen sie von unserem Tor weghalten", sagt der Bundestrainer angemessen kleinlaut. Das Trauma von Moskau möchte er nicht noch einmal erleben: Luschniki-Stadion, 17. Juni 2018, WM-Auftakt gegen Mexiko. Deutschland wird eiskalt ausgekontert. Verzweifelt rufen die Innenverteidiger Mats Hummels und Jerome Boateng ihre Mitspieler zurück. Aber niemand hört. Toni Kroos und Sami Khedira interpretieren Fouls an ihnen als Majestätsbeleidigung. Falsche Taktik, falsche Einstellung, ein Sturmlauf ins Verderben. 0:1, der Anfang vom Ende.

"Es gibt bei uns keinen Funken von Überheblichkeit" Thomas Müller
Das wird nicht wieder passieren. Der Popanz der Arroganz ist unsichtbar. "Es gibt bei uns keinen Funken von Überheblichkeit", glaubt Thomas Müller. Zudem: Frankreich 2021 ist eine Équipe, die niemand unterschätzt. Ilkay Gündogan (30), der gemeinsam mit Toni Kroos (31) das zentrale Mittelfeld bilden soll, sagt: "Es kann sein, dass wir den Ballbesitz größtenteils abgeben müssen." Das ist auch deshalb eine bemerkenswerte Vorausschau, weil er selbst bei Manchester City und Kroos bei Real Madrid das Ballbesitz-Gen tief in sich tragen. Die beiden Meister des Passspiels gehören nicht zur Spezies der Ballklauer wie ihre Kontrahenten Paul Pogba und N’golo Kanté. Das weiß Gündogan und fordert deshalb Unterstützung: "Es ist extrem wichtig, dass die drei Verteidiger hinter uns mit rausstoßen und uns helfen, viele Bälle zu erobern. Wir müssen die Franzosen zwingen, auch mal hinter uns herzulaufen."

Abgestimmtes Pressing

Kroos glaubt, dass die Feinabstimmung schon besser ausjustiert worden ist im Training: "Wir haben den einen oder anderen Schritt nach vorn gemacht, was Klarheit angeht." Aber ob die Umsetzung auch klappt? Kroos ist gespannt: "Das, was wir trainiert haben, sollte gegen Frankreich besser sofort funktionieren."

Zum Beispiel ein perfekt abgestimmtes Pressing. Jeder muss kapieren, wann es losgeht, jeder muss dabei sein, weil die Franzosen Lücken sofort erkennen. "Den Gegner nach außen leiten, Triggerpunkte setzen und dann draufgehen." So stellt sich Antonio Rüdiger das vor.



Der grimmige 28-Jährige ist hinter seiner Carbonmaske zu einem zentralen Faktor geworden. Auch verbal gibt der Verteidiger des FC Chelsea die Richtung vor – ganz im Sinne eines Bundestrainers, der sich auf seine alten Tage neu erfunden hat. Rüdigers Credo ist Programm: "Einfach eklig sein, nicht immer lieb, lieb, lieb oder alles spielerisch schön, schön, schön versuchen. Gegen solche Spieler musst du auch mal ein Zeichen setzen – früh." Da geht dem Bundestrainer, der davon früher gar nichts hielt, anno 2021 das Herz auf.

"Wir brauchen unsere Spieler nicht starkzureden. Wir sind stark!" Marcus Sorg
Bei aller defensiver Bereitschaft, sich das Trikot auch mal bei einer zünftigen Grätsche schmutzig zu machen – es soll keine Abwehrschlacht geben. Die Deutschen wollen tiefer stehen, den flinken französischen Weltklassestürmern Griezmann, Mbappé und Benzema keine allzu großen Räume hinter der Dreierkette geben, aber sie wollen sich auch nicht zu klein machen. Löws Assistent Marcus Sorg sagt: "Man darf bei aller Stärke der Franzosen nicht vergessen: Wir sind auch eine gute Mannschaft mit vielen Qualitäten. Wir brauchen unsere Spieler nicht starkzureden. Wir sind stark!" Rüdiger ergänzt: "Auf dem Papier sieht Frankreich stärker aus, aber das ist nur Papier."