Der SC-Gegner

Gelson Fernandes ist der Ordnungshüter bei Eintracht Frankfurt

Frank Hellmann und David Weigend

Von Frank Hellmann & David Weigend

Fr, 08. November 2019 um 23:46 Uhr

SC Freiburg

Der 33-jährige Schweizer Nationalspieler und Ex-Freiburger ist derjenige, der den Eintracht-Laden zusammenhält. Und der darauf achtet, dass die Lücken vorne und hinten nicht zu groß werden.

Der Sturm-und-Drang-Stil ist Markenzeichen von Eintracht Frankfurt. Zumindest seit Adi Hütter bei der gar nicht mehr so launischen Diva vom Main das Sagen hat. Lieber 4:3 als 1:0 gewinnen. Und lieber noch mal einen Angriff ausspielen, als die Abwehr stärken. Dass diese Ausrichtung unter dem österreichischen Fußballlehrer nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen ist, haben die Hessen vor dem Auswärtsspiel beim SC Freiburg leidvoll erfahren.

Am Donnerstag im wichtigen Europa-League-Gruppenspiel bei Standard Lüttich (1:2) fuhren die Gäste den vermeintlich letzten Konter, als Filip Kostic entkräftet die Kugel weit am Tor vorbei feuerte. Die Belgier nahmen die Einladung an, den Bundesligisten mit einem Wirkungstreffer in allerletzter Minute niederzuringen.

Und hinten hob einer die Hände, der die womöglich folgenschwere Niederlage nicht fassen konnte: Gelson Fernandes. Der Schweizer Nationalspieler, in der Saison 2013/2014 beim Sportclub am Ball, soll unter Hütter den Ordnungshüter geben. Der 33-Jährige ist in der Regel derjenige, der den ganzen Laden zusammenhält. Und darauf achtet, dass die Lücken vorne und hinten nicht zu groß werden.

Doch in jener umkämpften Partie auf einem zerfurchten Rasen schien auch Fernandes machtlos: Schon den Ausgleichstreffer konnte der unermüdliche Mittelfeldrenner auf der Linie stehend nicht verhindern. Und dann noch das.

"Wenn du so einen Nackenschlag kriegst in der letzten Minute, tut das weh, aber wir haben noch zwei Tage bis zum Freiburg-Spiel, um das aus den Köpfen zu kriegen", sagte Hütter am Freitag. Im Schwarzwald erwartet der Frankfurter Trainer eine Mannschaft, die in ihrer Geschichte wahrscheinlich den besten Start hingelegt hat: "Sie spielen aggressiven, guten Fußball nach vorne. Wir müssen Laufbereitschaft und Zweikampfverhalten mitbringen und trotzdem versuchen, Möglichkeiten und Chancen zu suchen." Der 49-Jährige wird auch Aufbauarbeit verrichten müssen, denn "dass das Spuren hinterlässt, ist klar."

In solchen Momenten werden Charaktere wie Fernandes noch wichtiger. Der 2017 vom französischen Erstligisten Stade Rennes nach Frankfurt gelotste Profi ist nicht nur dafür da, die Löcher zu stopfen, die Räume zuzulaufen und die Bälle zu erobern. Mit seiner immensen Erfahrung ist er eine der wichtigsten Integrationsfiguren. Weil er in der Schweiz, Italien, England, Portugal und Frankreich gespielt und fast überall die Sprache beherrscht hat, kann er sich fast allen Mitspielern im Multikulti-Ensemble der Eintracht verständlich machen.

Seine solide Wertarbeit trägt zur erhöhten Wertschätzung noch bei. "Bei Gelson", hat Hütter mal gesagt, wisse man, was man bekommt. "Er macht das einfach gut. Er lebt Mentalität vor. Mit seinem unbändigen Wollen, die Zweikämpfe zu gewinnen, reißt er die anderen mit."

Tatsächlich ist er derjenige, der neben Makoto Hasebe in der Abwehr am meisten dirigiert. Dabei kommt es vor, dass der Stadionbesucher und Fernsehzuschauer von der Nummer fünf oberflächlich nicht so viel mitbekommt. Tore schießt er höchst selten, erst zwei in 83 Bundesligaspielen. Und auch die Vorbereitung übernehmen meist die Mitspieler. Gonzalo Pacienca, Bas Dost, David Silva und Kostic heißen die Offensivkräfte in dieser Saison.

Auch SC-Trainer Christian Streich bekundete in der Pressekonferenz am Freitag Respekt für Fernandes, den er in seinem zweiten Trainerjahr beim Sportclub weiterbildete: "Die Eintracht hat viele Spieler, die mit großer Entschlossenheit auf den Platz gehen. Das Sinnbild dafür ist Gelson." Fernandes zeichne sich durch eine vorbildliche Arbeitseinstellung aus, die das hohe Level, auf dem die Eintracht derzeit spielt, garantiere.