14. Juni

Großer Frauenstreik in der Schweiz angekündigt – wie vor 28 Jahren

Joshua Kocher

Von Joshua Kocher

Di, 11. Juni 2019 um 21:09 Uhr

Schweiz

Die Themen haben sich seit 1991 nicht groß geändert: ungleiche Löhne, sexuelle Belästigung, Fremdbestimmung des weiblichen Körpers. Hat sich in drei Jahrzehnten gar nichts getan?

Feierabendzeit in Basel. Eine Frau mit zwei Rucksäcken an den Schultern und einer Tasche am Gepäckträger schiebt ihr Fahrrad auf der schmalen Metallschiene über die Treppe vom Rheinufer hoch auf die mittlere Brücke in der Innenstadt. "Grüezi", ruft von oben Meret Gfeller, weinroter Parka, pinkfarbener Aufkleber auf der Bluse. Sie schnappt sich einen Flyer aus ihrem Turnbeutel und prescht auf die Frau mit dem Rad zu: "Haben sie schon vom Frauenstreik gehört?" Die Frau hält überrascht an, lacht dann. "Natürlich, ich bin schon voll ausgerüstet."

Meret Gfeller ist unterwegs im Auftrag des "Streikkomitee Basel" und macht mit Flugblättern, Ansteckern und Aufklebern Werbung für etwas, über das viele Frauen schon Bescheid wissen: Am 14. Juni ist Frauenstreik. In der ganzen Schweiz wollen an diesem Tag Tausende Frauen die Arbeit niederlegen, um ein Zeichen zu setzen – gegen ungleiche Bezahlung von Mann und Frau, gegen Gewalt an Frauen, gegen sexuelle Belästigung.

Auch der Nationalrat wird mitstreiken

Landesweit wurden 18 Kollektive gegründet, die in den Kantonen und Städten den Streik organisieren. In Basel veranstalten Meret Gfeller und Dutzende Mitstreiterinnen im "Streikkomitee" Diskussionen und Filmabende, bemalen T-Shirts und schreiben Reden für den 14. Juni. Unterstützt werden sie unter anderem von der größten Arbeitnehmervertretung des Landes, dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund.

Die Gewerkschaft für öffentlich Bedienstete ruft ebenfalls zur Arbeitsniederlegung auf, auch der Nationalrat, das Schweizer Parlament, wird mitstreiken – zumindest für eine Viertelstunde. Wer die Idee zum Streik hatte, weiß heute niemand mehr so recht. Klar ist aber: Er ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – auch wenn einige, zumeist männliche Politiker behaupten, es sei ein Phänomen des linksalternativen Spektrums. Die Teilnahme der Landfrauen und der katholischen Frauen spricht dagegen.

"Wenn Frau will, steht alles still."
Auf der Rheinbrücke steht Meret Gfeller seit einer halben Stunde. Sie hat eben ihren letzten Anstecker verschenkt. Die Rückmeldung ist durchweg positiv, wirklich überzeugen muss sie hier keine Frau. Als sie einem Paar ihren Flyer in die Hand drückt, bedanken die beiden sich mit einer Kirsche für ihre Arbeit. Sie werden in Zürich und in Bern auf die Demo gehen. Ein paar Minuten später steht plötzlich Gfellers Nachbarin neben ihr. Sie sagt: "Ich war schon 1991 dabei, ich muss jetzt nicht nochmal auf die Straße."

Vor 28 Jahren, auch damals am 14. Juni, fand in der Schweiz der erste Frauenstreik statt. Das Motto: "Wenn Frau will, steht alles still." Es ging damals um Lohngleichheit, Doppelbelastung von Frauen, männerdominierte Hierarchien, sexuelle Belästigung und ungleiche Krankenkassenprämien. In der "antidot", einer zum diesjährigen Frauenstreik aufgelegten Zeitung, erinnert sich eine Teilnehmerin: "Noch am Vorabend zitterten wir. Wären wir allein, wenn wir um 11 Uhr unseren Beitrag leisten, um die Schweiz lahmzulegen?"

Am nächsten Tag waren etwa eine halbe Millionen Frauen auf der Straße. Es war die bis heute größte Protestaktion der Schweizer Geschichte.

Jetzt übernimmt die nächste Generation die Verantwortung. Natalie von Tscharner sitzt auf einem Klappstuhl in der Markthalle Basel. Sie ist direkt von ihrer Arbeit in einem Quartiersbüro hierher gekommen und will sich später eine Podiumsdiskussion zum Streik ansehen. Sie war schon 1991 dabei, im Tragetuch ihrer Mutter, sie wurde in dem Jahr geboren. Heute organisiert sie im Basler "Streikkomitee" die Mobilisierungsarbeit und das Spendensammeln.

Viele Forderungen von 1991 sind noch aktuell

"Es braucht einen Systemwechsel", sagt sie. Es geht also ums Ganze. Sie klagt nicht nur die Politik an, sondern auch die Gesellschaft. Frauen müssen viel öfter Betreuungsarbeit für die Kinder leisten. Und es gebe auch in der Schweiz Alltagssexismus und sexuelle Belästigung. Außerdem werde das Gesetz zur Lohngleichheit noch immer nicht umgesetzt.

Viele der Forderungen von 1991 sind noch aktuell, das bestätigt die Historikerin Caroline Arni, die an der Universität Basel in diesem Sommersemester ein Seminar zum Frauenstreik in Basel gibt. Einzelne Dinge seien behoben, etwa die Sache mit den Krankenkassenprämien, die für Frauen früher wegen eventueller Schwangerschaft teurer waren. Im "feministischen Aufstand", wie der Streik im Netz oft beschrieben wird, sieht sie als Historikerin eine neuerliche "Konjunktur des feministischen Protestes".

Zu den klassischen Gleichstellungsthemen zur Ungleichheit zwischen Frauen und Männern sind weitere Aspekte wie Migration oder die Vielfalt von Geschlecht und Sexualität hinzugekommen. Deshalb heißt der Streik 2019 auch "Frauen*Streik".

"Ich glaube, es wird richtig groß." Meret Gfeller
Am Nachmittag, um genau 15.24 Uhr, sollen alle Frauen ihre Arbeit niederlegen. Das ist der Zeitpunkt, von dem an weibliche Beschäftigte aufgrund der Lohnunterschiede quasi gratis arbeiten. In Basel treffen sie sich dann alle auf dem Theaterplatz. Dort werden Reden gehalten. Um 17 Uhr wollen die Teilnehmerinnen zur Demonstration durch die Stadt aufbrechen.

Wie viele Frauen mitmachen werden, kann Meret Gfeller heute nicht einschätzen. Auf der Rheinbrücke nehmen viele die Flyer mit und versprechen, am Freitag mitzukommen. Ein paar sagen, sie hätten keine Zeit. "Ich glaube, es wird richtig groß", sagt Gfeller. Hier unterscheidet sie sich von den Frauen von 1991. Denn damals befürchteten sie ja, es werde kaum jemand mitmachen.
Hintergrund: Benachteiligung von Frauen in der Schweiz

Die Schweiz und die Frauen – das war schon immer eine schwierige Geschichte. Als letztes Land überhaupt in Europa führten die Eidgenossen erst 1971 das Frauenwahlrecht ein. Am 14. Juni 1981 nahm die Schweizer Bundesversammlung auf Drängen einer Volksinitiative hin einen Verfassungsartikel an, der besagt: "Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit." Zehn Jahre demonstrierte eine halbe Million Frauen dafür, dass dieses Gesetzes auch tatsächlich umgesetzt wird.

Am 14. Juni 2019 wollen schweizweit Tausende Frauen erneut daran erinnern, dass die Schweiz in puncto Gleichberechtigung ihrer Ansicht nach immer noch Nachholbedarf habe. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums liegt das Land bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau auf Platz 20, hinter Südafrika und Bulgarien. Deutschland rangiert immerhin auf dem 14. Platz.

Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann gibt an, dass auf der Lohnabrechnung von Frauen im Vergleich zu Männern jeden Monat durchschnittlich 1455 Franken fehlen, also 18 Prozent weniger Gehalt. Etwa die Hälfte davon könne durch die sogenannte Einkommenslücke erklärt werden, die entsteht, weil den Großteil der unbezahlten Familienarbeit leisteten und in schlechter bezahlten Branchen arbeiteten. Die andere Hälfte sei nicht durch objektive Faktoren erklärbar und enthalte eine "potentielle Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts".

Kürzlich erschien zudem eine Studie des Forschungsinstituts GFS Bern im Auftrag von Amnesty International. Sie ergab: Mindestens jede fünfte Frau (22 Prozent) in der Schweiz musste in ihrem Leben ungewollte sexuelle Handlungen erleben.