Dichtkunst

Preisträger des Mundart-Wettbewerbs Lahrer Murre unterhalten in der Hammerschiede

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Mo, 04. Juli 2022 um 10:51 Uhr

Lahr

Stimmungsvoller kann ein Mundart-Abend kaum sein: Am Samstag haben die letztjährigen Preisträger des Mundart-Wettbewerbs Lahrer Murre in Reichenbach gelesen.

Seit 2016 gibt es diesen Nachholtermin für alle, die die Vorjahres-Preisverleihung verpasst haben. Veranstaltet vom Schwarzwaldverein Reichenbach mit Unterstützung der Mediathek, die den Wettbewerb ausrichtet. Bei den Mundartfreunden hat sich herumgesprochen, dass das Team um Edgar Baßler, den stellvertretenden Vorsitzenden und Hammerschmiede-Beauftragten des Schwarzwaldvereins, viel Herzblut in die Vorbereitung der Lesung steckt. Eine kleine Bühne war aufgebaut, ein Tischchen mit rot-weiß-karierter Decke, darüber ein Banner, dessen schiere Existenz darauf hindeutet, dass die Reichenbacher ihr Murre-Engagement auf Dauer ausgerichtet haben. Überrascht waren die Veranstalter von der großen Publikumsresonanz: Für rund 80 Gäste musste kräftig nachbestuhlt werden, und bei den als Pausenvesper gereichten Murren war Teilen angesagt – was unkompliziert gelang.

Preisträger gaben einen Einblick in ihr Schaffen

Die Umrahmung hatte Mundart-Original und Trompeterlegende Helmut Dold übernommen, der Kostproben seiner beiden Talente gab. Die Moderation lag in den Händen von Stefan Pflaum, der zusammen mit Ulrike Derndinger und Ludwig Hillenbrand die Jury des Murre-Wettbewerbs bildet. Mit wenigen Worten stellte er die Preisträger vor und las jeweils drei eigene Haiku-Kurzgedichte, bevor er an die Murre-Autoren weitergab.

Die Preisträger lasen dann nicht nur das Werk, das mit einem ersten oder zweiten Preis ausgezeichnet wurde, sondern gaben weitere Beispiele aus ihrem Schaffen. Allesamt gehören die Preisträger 2021 zu den bekannten Namen der Szene. Manche, wie Markus Manfred Jung aus Hohenegg im Wiesental, schon in zweiter Generation. Sein gesellschaftskritischer Text "Glasvitrine" ist zwar zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges angesiedelt, den Typus Mensch, den er darin beschreibt, gibt es aber leider immer noch. Auch die jüngste Preisträgerin (und einzige Frau in der Runde), die 1987 geborene Sandhya Hasswani, hat mit ihren erfrischenden Texten schon einige Bekanntheit erreicht. Mit dem Hochschwarzwälder Idiom brachte sie eine andere Klangfarbe mit als zum Beispiel der in Gutach lebende Wendelinus Wurth. Beide lasen Prosatexte, in denen Personen mit wenigen Worten so aussagekräftig beschrieben werden, dass sie für die Zuhörer lebendig werden. Wurths Liebespärchen in der Bahn und die Kleeblattsammlerin mit der unerschütterlichen Hoffnung bleiben ebenso im Gedächtnis wie Hasswanis voreingenommener Zahnarztbesucher oder der wunderbar widerständige Jugendliche, der seine Prioritäten weder vom Kommerzfernsehen noch von den Lehrern ändern lässt.

Die Kunst der verdichteten Zeilen

Willi Keller aus Offenburg und Werner Fischer aus Meßkirch lasen in der Abteilung Lyrik Gedichte, die den Namen wirklich verdienen, weil sie tatsächlich sehr verdichtet sind. Werner Fischer braucht für sein Gedicht "Uff Stroh" sogar nur 17 verschiedene Worte. Beide haben bei der Murre 2021 mit Texten gewonnen, die einen besonderen Moment beschreiben, den es festzuhalten gilt. Keller beschreibt das Gefühl, "noh de Mahd" (nach dem Mähen) im Gras zu liegen, und "de Zit de Gang rusnemme". Fischer schließt mit einigen seiner insgesamt 500 Haikus den Bogen zurück zu Stefan Pflaum. Das Publikum genoss den Abend zwischen Nachdenklichkeit und Humor und dankte es den Autoren und den Veranstaltern mit viel Applaus.