Reise

Heiliges Eiland: Die schottische Insel Iona

Nicole Quint (Text & Fotos)

Von Nicole Quint (Text & Fotos)

Fr, 19. November 2021 um 21:22 Uhr

Reise

Die Schotten haben den Weltuntergang verhindert. Nicht auf der Klimakonferenz in Glasgow, sondern auf ihrer kleinen Atlantikinsel Iona. Wir haben sie besucht.

Als wüsste sie, dass der Besuch eines besonderen Ortes einen besonderen Auftakt verdient, pudert die schottische Morgensonne eine zarte Schicht Goldstaub über die Welt. Alles glitzert und funkelt – der blendend blaue Himmel, der ohne Anfang und Ende zu sein scheint, der cremeweiße Muschelstrand und auch das türkisfarbene Meer, das in kleinen Wellen an das Ufer der Insel galoppiert.

"You must have Saint Peter on your side", ruft der Kapitän den Passagieren zu, während er seine Fähre gegen die starke Strömung von Mull nach Iona hinübersteuert. In Schottland ist also auch Petrus für das Wetter verantwortlich, und offenbar belohnt er Reisende, die ihre Beharrlichkeit unter Beweis gestellt haben, mit Sonnenschein wie in der Südsee.

Ausdauer war auch nötig, denn einfach zu erreichen ist Iona, die zu den Inseln der Inneren Hebriden gehört, nicht. Hav bred ey – "Inseln am Rande des Meeres" – haben die Wikinger sie genannt. Auf einer Länge von 200 Kilometern liegen die rund 500 Inseln wie ein gigantischer Schutzwall gegen die Wellen des Atlantiks vor den Gestaden Schottlands. Von Glasgow aus fährt man erst an die Westküste, setzt vom alten Wollhandelshafen Oban mit der Fähre nach Mull über, nimmt dort den Bus, der einen bis ans andere Ende der Insel bringt, von wo dann eine weitere Fähre endlich Iona ansteuert, den heiligsten Ort des Landes.

Nur zwei Kilometer breit und fünf Kilometer lang ist die Insel, die man auf Google Maps nicht so leicht findet. Auf der Landkarte des Glaubens ist sie hingegen als Jerusalem des Nordens markiert, als Startpunkt der Christianisierung Schottlands, ja sogar ganz Nordeuropas.

Zuständig für diese großangelegte Missionierungsaktion war der irische Mönch Columban, der 563 nach Christus nach Iona kam, dort eine Abtei gründete und gleich mit der Verbreitung der Evangelien loslegte. Bis nach Skandinavien, Russland und in die Schweiz kamen seine missionierenden Mönche. Die daheimgebliebenen Mitbrüder erfanden derweil das Keltenkreuz. Das originale St. John’s Cross, das erste keltische Kreuz, kann im Iona Heritage Centre neben der Abtei besichtigt werden. Es wurde im Jahr 750 nach Christus errichtet. Seine Arme waren zunächst so lang, dass sie bald nach der Aufstellung des Kreuzes abbrachen. Das Konstrukt wurde stabilisiert, indem man einen stützenden Steinkreis um das Zentrum herum anbrachte. Ein Design, das in ganz Schottland und Irland auch deshalb weithin kopiert wurde, weil es viel mehr Fläche für prächtige Dekorationen bot.

Ihr Meisterwerk aber schufen Columbans Mönche nicht mit dem Keltenkreuz, sondern – sorry, liebe Iren – mit dem legendären Book of Kells. Mit ihren maßlos schönen Illustrationen und den aufwendigen Verzierungen der vier Evangelien schenkten die ebenso kunstfertigen wie frommen Glaubensbrüder der Welt eines der bedeutendsten mittelalterlichen Bücher. Heute beeindruckt dieser Kunstschatz Besucher des Dubliner Trinity Colleges, weil er zum Schutz vor plündernden Wikingerhorden von Iona nach Irland gebracht worden war.

Nachdem schließlich auch die letzten Mönche vor dem Horror der brutalen Überfälle kapituliert und die Insel verlassen hatten, wurde es für Jahrhunderte still um Iona. Abgesehen von einem kurzzeitigen Wiederaufblühen des Klosterlebens, das mit der englischen Reformation im 16. Jahrhundert endete, kehrte das religiöse Leben erst mit George MacLeod auf die Insel zurück. Der charismatische schottische Pfarrer und Gründer der inzwischen weltweit bekannten Iona-Gemeinschaft baute die verfallene Abtei im Jahr 1937 mit einigen Mitstreitern wieder auf.

Die wuchtigen Granitmauern des Kirchennachbaus schützen einen Innenraum, von dessen schlichter Schönheit eine märchenhafte Kraft ausgeht. "Was das Auge füllt, erfüllt auch das Herz", lautet eine gälische Redensart, und mit jedem Blick auf hohe Säulen, flechtengelbes Gemäuer, hölzerne Dachbalken und den wundervollen Marmoraltar dringt die Besinnlichkeit des Ortes tatsächlich tief in die Besucher ein. Wer so lange verweilt, bis die äußere Ruhe zur inneren geworden ist, der begreift, dass Iona nicht nur ein heiliger, sondern auch ein heilkräftiger Ort ist.

Selbst der Reilig Odhrain, der Friedhof des Klosters, verspricht eine wundersame Wirkung. Als Begräbnisstätte müsste er deshalb noch heute hoch im Kurs stehen. Laut Legende wird beim Untergang der Welt nämlich alles im Meer versinken, nur Iona nicht, und wer will schon pudelnass vor dem jüngsten Gericht erscheinen? Mit der Aussicht auf eine trockene Auferstehung ließen sich über 60 schottische, irische und nordische Könige auf Ionas Friedhof bestatten, darunter auch Duncan und Macbeth – das Opfer und sein Mörder. Nachzulesen bei Shakespeare, aber leider nicht mehr zu beweisen, denn ihre Gräber sind längst verschwunden.

Besucher, die sich auffallend lange auf dem Reilig Odhrain aufhalten, pausenlos prüfende Blicke über die Gräber schweifen lassen, Steine aufheben und fotografieren, suchen nicht nach Macbeth. Ihr Ziel ist keine Grabstelle, sondern ein flacher Stein. Auf ihm haben Generationen von Pilgern einen Kiesel dreimal im Uhrzeigersinn gedreht. Wenn die Mitte des Steins durchgerieben und ein Loch entstanden ist, endet die Welt, heißt es. Durch die Drehung des Kiesels ist eine Vertiefung entstanden, eine ganz leichte. Selbst ein bisschen am Weltuntergang drehen können Besucher nicht mehr, denn der Clach bràth, der Urteilsstein, musste aus konservatorischen Gründen ins Iona-Abbey-Museum umziehen. Eine findige Art, dass Schicksal aus dem Verkehr zu ziehen und das Ende aller Zeiten unerreichbar zu machen. Macbeth wird seine Auferstehung absagen müssen.