Ringen

Herzogenhorn statt Tokio: Deutsche Olympia-Ringer auf Quarantäne-Lehrgang im Schwarzwald

Georg Gulde

Von Georg Gulde

Di, 21. Juli 2020 um 20:30 Uhr

Sportpolitik

Am Freitag hätten die Olympischen Spiele 2020 eröffnet werden sollen. Im Leistungszentrum Herzogenhorn nehmen die deutschen Ringer einen zweiten Anlauf für Olympia – bei einem Quarantäne-Lehrgang.

Anstatt in Tokio um Medaillen zu kämpfen, was nun erst 2021 geschehen soll, sind die deutschen Athleten schon froh, dass nach der zwischenzeitlichen Sportpause nun wieder Lehrgänge stattfinden. Im Leistungszentrum Herzogenhorn nehmen die deutschen Ringer einen zweiten Anlauf für Olympia – bei einem Quarantäne-Lehrgang, bei dem zuvor alle Teilnehmer auf Covid-19 getestet wurden.

Der Weg zum Ziel ist ziemlich holprig. Er führt über ein kürzlich notdürftig mit Teer geflicktes Sträßchen, das keinen Gegenverkehr zulässt, und umsäumt ist von mächtigen Fichten. Wer hier zum ersten Mal ankommt – und das noch in der Dunkelheit oder schlechtem Wetter –, der fragt sich unwillkürlich: Wo bin ich denn hier gelandet?

Einigen Sportlerinnen aus Nordrhein-Westfalen ist es vor einigen Tagen so ergangen, als sie mit dem Neunsitzer-Kleinbus des AC Ückerath den letzten der 447 Kilometer zurückgelegt haben – zum ersten Lehrgang des Deutschen Ringer-Bundes (DRB) nach dem Corona-Lockdown. Ein Lehrgang in der Abgeschiedenheit des Leistungszentrums Herzogenhorn im Naturschutzgebiet Feldberg.

Trainieren, wo schon Brasiliens Kicker trainiert haben

Am nächsten Morgen, so wird erzählt, sah die Welt für die Sportlerinnen aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland wieder besser und fröhlicher aus. Viel besser und viel fröhlicher. Denn aus dem dunklen Tann war über Nacht und mit Erscheinen der ersten Sonnenstrahlen ein kleines Paradies geworden. Eine Landschaft zum Verlieben; eine spärliche, aber bunte Vegetation in rund 1300 Metern Höhe; ein Rasenplatz, auf dem schon die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 1974 geübt hat; ein Trainingsraum, in dem drei Ringermatten Platz finden; Kraftraum, Schwimmbad, Sauna, Einzel- und Doppelzimmer; ein Gasthaus-Betrieb mit abwechslungsreichen und sportlergerechten Speisen; und natürlich eine Ruhe, in der schon die Kraft lag für spätere Olympiasiege (Gewichtheber Matthias Steiner 2008 in Peking) und Weltmeistertitel (Hammerwerfer Karsten Kobs 1999 in Sevilla).

Mag sein, dass das 1957 erbaute und zehn Jahre später als Bundesleistungszentrum geführte "Horn", das inzwischen nur noch das Prädikat Leistungszentrum besitzt und das 2007 vom Skiverband Schwarzwald an den Olympiastützpunkt (OSP) Freiburg-Schwarzwald abgegeben wurde, nicht mehr in allen Punkten modern erscheint. Mag sein, dass man manchmal für den Handy-Empfang ein paar Meter den Berg hinauflaufen muss. Aber es gibt ja funktionierenden WLAN – und damit ist der Kontakt der Sportler zur Außenwelt über die sozialen Medien gewährleistet. Was wichtig ist in der heutigen Zeit – besonders an einem Ort, an dem die Zeit manchmal still zu stehen scheint.

Brettspiele statt Handys – zumindest manchmal

Aber die Ringerinnen legen ihre elektronischen Geräte auch mal zur Seite. "Sie packen Brettspiele aus und beschenken Teamkolleginnen mit Kuchen, wenn diese Geburtstag haben", hat OSP-Leiter Hans-Ulrich Wiedmann festgestellt. Patrick Loes, inzwischen in Freiburg lebender und fürs Frauenringen zuständiger Bundestrainer, zieht ein positives Fazit: "Wir werden auf alle Fälle wieder kommen." Zumal der Weg für viele seiner Sportlerinnen nicht weit ist, denn mehr als die Hälfte des Frauen-Nationalteams übt in Nicht-Lehrgang-Zeiten am Stützpunkt im Breisgau. Auch Gundolf Fleischer, Präsident des Badischen Sportbundes Freiburg, ist froh: "Ich freue mich, dass unser Bestreben erfolgreich war, trotz der Corona-Krise die Bedingungen für Quarantäne-Lehrgänge zu schaffen".

Unmittelbar nach den 24 Frauen und ihrem Trainerteam reisen nämlich an diesem Mittwoch die Freistil-Männer und Junioren mit Coach Jürgen Scheibe an. Vom 3. August an sind dann die Spezialisten im griechisch-römischen Stil mit Bundestrainer Michael Carl sowie dem dreimaligen Weltmeister Frank Stäbler zu Gast und bilden den Abschluss der DRB-Lehrgänge am Herzogenhorn. Danach soll aber auch noch der südbadische Nachwuchskader auf dem "Horn" in rund 1300 Metern Höhe einen Lehrgang absolvieren.

Die Vorbereitung war aufwändiger als zu normalen Zeiten, auch die drei Ringermatten mussten erst bei einem Hersteller geordert werden. Kernpunkte des DRB-Lehrgangkonzepts waren aber die vor der Anreise an den jeweiligen Heimatstützpunkten vorgenommenen und ausgewerteten Corona-Tests der Athleten, Trainer und Physiotherapeuten. Unmittelbar nach den Tests begeben sich die Athleten in häusliche Quarantäne. Da auch die dem Leistungszentrum angeschlossene Gaststätte während der DRB-Lehrgänge für Touristen, Wanderer und Mountainbiker meist geschlossen ist, kommen die Sportler – außer mit dem Personal – nicht mit anderen Menschen in Kontakt, womit die Ansteckungsgefahr gegen Null tendieren dürfte.

Wichtig auch für das Leistungszentrum

Indes ist nicht nur für die Athleten die Rückkehr zu Lehrgängen wichtig – auch für das Leistungszentrum Herzogenhorn selbst. Nach mehrwöchiger Schließung durch die Corona-Pandemie rechnet Hans-Ulrich Wiedmann für 2020 mit einem Rückgang der Übernachtungszahlen um ein Drittel – 8400 im Vergleich zu 12 800 in den Jahren 2018 und 2019. "Das wird uns hart treffen", sagt Wiedmann, "zumal wir dieses und nächstes Jahr aufgrund der Corona-Verordnungen keine Schulklassen als Gäste haben werden." Die Hoffnung auf eine gute Auslastung des "Horns" gibt er aber nicht auf: "Vielleicht kommen ja Sportler zu uns, die es in normalen Zeiten ins Ausland zieht."