HINTERGRUND

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Sa, 09. Januar 2021

Deutschland

Zur Person

Rita Süssmuth, 1937 in Wuppertal geboren, wächst während des Zweiten Weltkriegs auf, der, so schreibt sie in ihren Erinnerungen "Das Gift des Politischen", ihre Kindheit sehr geprägt habe. Aus Angst vor Bombenangriffen verlässt die Familie die Stadt und zieht ins westfälische Wadersloh. Der Vater wird gleich zu Kriegsbeginn eingezogen, die Mutter ist häufig krank, so dass die Kinder früh Verantwortung übernehmen müssen. Ihr Vater, der nach dem Krieg in der Lehrerausbildung tätig ist, habe – auch das schreibt Süssmuth – sie und ihre Geschwister die "wahrhaft sokratische Tugend des Fragens und Antwortens, des Zuhörens und Nachfragens, der allmählichen Erkenntnis im gemeinsamen Gespräch" gelehrt. Süssmuth studiert zunächst Romanistik und Geschichte in Münster, Tübingen und Paris, bevor sie ein Postgraduiertenstudium der Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie aufnimmt. 1964 promoviert sie, arbeitet an verschiedenen Hochschulen im Ruhrgebiet und leitet zwischen 1982 und 1985 das Forschungsinstitut "Frau und Gesellschaft" in Hannover. 1985 erfolgt der Wechsel in die Politik: Erst wird sie Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (ab 1986 auch für Frauen), ab 1988 ist sie für die folgenden zehn Jahre Präsidentin des Deutschen Bundestages, dem sie zwischen 1987 und 2002 mit einem Mandat für den Wahlkreis Göttingen angehört. Auch nach ihrer Zeit als aktive Politikerin setzt sich Süssmuth nicht zur Ruhe, sondern engagiert sich unter anderem im Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration oder in der Weltkommission für Internationale Migration.

Zu Buch und Film

In der Bonner Republik (aber auch später) war Rita Süssmuth eine wichtige Protagonistin, die sich mit viel Hartnäckigkeit im männerdominierten Bundestag Gehör verschafft hat. Sie bezeichnete sich als Feministin – ein Begriff, den viele ihrer männlichen Parteikollegen damals nicht einzuordnen wussten – und machte gemeinsame Sache mit den Frauen anderer Parteien, unter anderem, um das Thema Gleichberechtigung voranzutreiben. Politikerinnen wie Süssmuth, die sich immer wieder an der Ignoranz ihrer männlichen Kollegen abarbeiten mussten, gab es in der Bundesrepublik viele – angefangen bei Elisabeth Schwarzhaupt, der ersten Frau, die das Amt einer deutschen Bundesministerin begleitete, über die Grünen-Politikerinnen Petra Kelly oder Waltraud Schoppe bis hin zu Kanzlerin Angela Merkel. Ihre Geschichten hat der Journalist Torsten Körner in seinem Buch "In der Männer-Republik" zusammengefasst. Im September sollte der Film zum Buch erscheinen. Sein Titel: "Die Unbeugsamen". Wegen Corona wurde der Starttermin verschoben – erst auf November, dann auf unbestimmte Zeit. Am Ende des Film-Trailers taucht auch Süssmuth auf, die das Dilemma der Politik-Pionierinnen von damals zusammenfasst: "Es musste geschmeidig wirken, aber hart erkämpft werden."