"Hoffen, dass mehr junge Menschen bei uns mitmachen"

skk

Von skk

Mo, 26. Oktober 2020

Waldshut-Tiengen

BZ-INTERVIEW mit Gebhard Kaiser, der den Freundeskreis Jüdisches Leben leitet / Manchmal spürt der Verein Vorbehalte gegenüber seiner Arbeit.

Gebhard Kaiser erforscht mit dem Freundeskreis Jüdisches Leben die jüdische Vergangenheit von Waldshut-Tiengen, dokumentiert sie und macht sie bekannt. Was ihn antreibt, darüber sprach er mit Ursula Freudig.

BZ: Herr Kaiser, sich für die jüdische Geschichte vor Ort zu interessieren ist nicht das Nächstliegende, wie kam es zu diesem ehrenamtlichen Engagement?

Gebhard Kaiser: 2012 hat der Freundeskreis nachgefragt, ob in den Gewerblichen Schulen Waldshut, die ich zu der Zeit leitete, der Zeitzeuge Paul Niedermann sprechen könne. Zusammen mit der Stadt haben wir daraufhin Schüler des ganzen Schulzentrums Waldshut – es waren rund 500 – in der Stadthalle versammelt – und ich hatte das Gefühl, dass Niedermann die Schüler wirklich erreicht und beeindruckt hat. Nach meiner Pensionierung 2015 habe ich mich dann dem Freundeskreis angeschlossen. Während meiner Schulzeit am Hochrhein-Gymnasium in den 1960er Jahren wurde die lokale jüdische Geschichte nie thematisiert, sie schien ein Tabu zu sein. Dies machte mich im Nachhinein betroffen. Richard von Weizsäcker sagte 1985 in seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs, dass die Jungen nicht verantwortlich für das sind, was damals geschah, aber dass sie dafür verantwortlich sind, was in der Geschichte daraus wird. Das beschreibt auch gut meine Motivation, die mich zum Freundeskreis Jüdisches Leben geführt hat – ich will dazu beitragen, dass wir aus der Geschichte lernen.

BZ: Was sind die Hauptanliegen des Freundeskreises Jüdisches Leben?

Kaiser: Wir wollen die jüdische Geschichte Tiengens und Waldshuts ins Bewusstsein rufen und wach halten. Es gibt besonders in Tiengen so viele Spuren jüdischen Lebens und so viele verborgene Schicksale, über die es viel zu erzählen gibt. Das, was im Nationalsozialismus auch bei uns geschehen ist und teils noch immer in der Gesellschaft schlummert, darf sich nicht wiederholen. Wir müssen Lehren aus diesem dunkelsten Thema der deutschen Geschichte ziehen. Dem entsprechend sind unsere Arbeitsschwerpunkte Forschung, Publikation, Erinnerung und Versöhnung.

BZ: Die Schweizer können ganz anders mit dem Judentum umgehen als wir, oder?

Kaiser: Ja, im Vergleich zu uns, haben sie ein relativ unkompliziertes, wenig belastetes Verhältnis zum Judentum. Bei Führungen kann man in alle Gebäude hineingehen, in die Synagoge, in die jüdische Schule, ins jüdische Frauenbad, es ist alles noch da. Im Gegensatz zu hier, sind die Juden nicht vertrieben und deportiert worden. Bei uns müssen wir bei Führungen sagen, hier war einmal die Synagoge, hier die jüdische Schule. Wenn man sich vorstellt, dass dies alles noch da wäre, wird einem bewusst, dass dies zu einem lebendigen Waldshut-Tiengen beitragen würde und eine kulturelle Bereicherung wäre.

BZ: Spürt der Freundeskreis bei seiner Arbeit auch Vorbehalte?

Kaiser: Wir bemerken manchmal in bestimmten Momenten eine gewisse Zurückhaltung. Es gab und gibt zum Beispiel vereinzelt Menschen, die Bedenken haben, wenn vor ihrem Haus ein Stolperstein verlegt werden soll oder an ihrem Haus eine Geschichtstafel angebracht werden soll. Vielleicht befürchten sie, dass dadurch die Geschehnisse von damals mit ihnen assoziiert werden könnten. 2018 haben wir im Mitteilungsblatt der Stadt dazu aufgerufen, uns eventuell noch vorhandene Fotos und Dokumente zur jüdischen Geschichte in Waldshut-Tiengen zur Verfügung zu stellen, es kam keine einzige Rückmeldung. Das lässt meines Erachtens auf Ängste und Zurückhaltung schließen.

BZ: Was erhoffen und wünschen Sie sich mit Blick auf die Zukunft für den Freundeskreis Jüdisches Leben?

Kaiser: Wir würden uns freuen, wenn mehr Schulklassen als bisher unsere Führungen in Anspruch nehmen würden. Dieses Angebot wird bislang nur vereinzelt genutzt. Wenn Schülern bewusst wird, dass sich das, was im Dritten Reich geschah, nicht nur weit weg, sondern sich auch vor Ort abgespielt hat, fördert das nach unserer Erfahrung ihr Interesse an diesem Thema. Es steht vermutlich nicht auf dem Lehrplan, sich mit Tiengens jüdischer Vergangenheit zu beschäftigen, aber es ist meiner Ansicht nach Raum dafür da. Es hängt von der persönlichen Einstellung und Motivation der Lehrer ab. Damit verbunden ist unsere Hoffnung, dass sich mehr Jugendliche für unsere Arbeit interessieren und mitmachen.