Zischup-Interview

"Ich war unheimlich traurig!"

Leandro Zonfrilli, Klasse 9-2, Walter-Eucken-Gymnasiums

Von Leandro Zonfrilli, Klasse 9-2, Walter-Eucken-Gymnasiums (Freiburg)

Do, 25. Februar 2021 um 18:50 Uhr

Schülertexte

Wie lebt man mit der Tatsache, als fünf Tage alter Säugling von der Mutter wegegeben worden zu sein? Ein Interview mit einer Frau, die anonym bleiben möchte, Geführt wurde es von Leandro Zonfrilli aus der Klasse 9-2 des Walter-Eucken-Gymnasiums in Freiburg.

Zischup: Was sind Ihre frühesten Kindheitserinnerungen?
Krigel: Ich kann mich nur erinnern, dass ich bei meinen Großeltern aufgewachsen bin.
Zischup: Haben Sie ein Foto von Ihren Eltern?
Krigel: Nein, habe ich nicht, weil ich sie, beziehungsweise meine Mutter, erst spät kennengelernt habe. Über meinen Vater weiß ich leider gar nichts. Ich war noch jung und kann mich nicht an ihn erinnern.
Zischup: Mit wie vielen Jahren haben Sie Ihre Mutter wieder getroffen? Und wie war das für Sie?
Krigel: Ich war 35 Jahre alt. Sie sagte nicht viel, sie fragte nur, wie ich sie gefunden habe. Meine Oma und mein Opa hatten ein Bild von ihr, und da habe ich nachgeforscht, wo sie lebt. Sie wohnte in der Steiermark, das ist in Österreich.

Zischup: Wie hat es sich angefühlt, sie nach all den Jahren das erste Mal zu sehen?
Krigel: Es war ein sehr komisches Gefühl.
Zischup: Sie lebten bei Ihren Großeltern: Was sagten diese dazu?
Krigel: Die Begeisterung hielt sich in Grenzen.
Zischup: Wie war das Leben bei Ihren Großeltern? War es für Sie normal, nicht bei den leiblichen Eltern zu leben? Was sagten die anderen Kinder dazu?
Krigel: Das Leben war manchmal hart, aber es gab auch schöne Momente. Viele Kinder wussten es gar nicht, die anderen akzeptierten es.
Zischup: Hatten Sie viele Freunde? Haben Sie mit einigen noch Kontakt?
Krigel: Ja, Freunde hatte ich sogar sehr viele, nur manchmal wenig Freizeit. Leider habe ich keinen Kontakt mehr zu meinen früheren Freunden.

Zischup: Wie alt waren Sie, als Sie erfahren haben, dass Ihre Mutter Sie weggegeben hat?
Krigel: Ich war zehn Jahre alt.
Zischup: Was haben Sie damals gefühlt?
Krigel: Ich war unheimlich traurig!
Zischup: Wann und warum gab Ihre Mutter Sie weg?
Krigel: Ich war fünf Tage alt, als ich im Krankenhaus zurückgelassen wurde. Dort holte mich meine Großmutter ab.
Zischup: Hatten Sie Geschwister?
Krigel: Ja Geschwister hatte ich, aber ich kenne nur einen Bruder von mir.
Zischup: Wie ist das Verhältnis zu ihrem Bruder?
Krigel: Herzlich.
Zischup: Sie sind in Tschechien aufgewachsen, leben jetzt aber in Deutschland. Wie kam es dazu?
Krigel: Ich lernte mit 27 Jahren einen Mann kennen. Er war Deutscher, arbeitete aber in einem Hotel in Tschechien. Wir wurden ein Paar und nach vier Jahren heirateten wir. Als er zurück nach Deutschland wollte, bin ich mit ihm nach Deutschland gezogen.