Untersuchung

Im Elsass soll es schon im November den ersten Corona-Fall gegeben haben

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Fr, 08. Mai 2020 um 17:38 Uhr

Elsass

Das Coronavirus ist früher als bislang bekannt in Frankreich aufgetreten – laut Ärzten aus Colmar schon im November 2019. Das war mehrere Wochen, bevor China den ersten Fall meldete.

Pariser Mediziner haben alte Proben untersucht. Dabei stießen sie auf den Fall eines 43-Jährigen aus Bobigny, der am 27. Dezember 2019 wegen einer schweren Lungenerkrankung in die Klinik eingeliefert worden war. Wie französische Medien berichten, konnte an seinen Proben nachträglich eine Infektion mit dem Erreger Sars-CoV-2 nachgewiesen werden.

Neben dem Großraum Paris hat sich Covid-19 in Frankreich vor allem in der Ostregion, und dort besonders im Elsass, rasant ausgebreitet und viele Todesopfer gefordert. Die ersten Infektionen mit dem Virus waren hier Ende Januar nachgewiesen geworden. Michel Schmitt, Chefarzt am Hôpital Albert Schweitzer in Colmar, ist bei einem nachträglichen Abgleich von Patientendaten auf erste Covid-19-Fälle in der Region schon ab Mitte November vergangenen Jahres gestoßen.

China meldete am 31. Dezember den ersten Fall

Wie das Krankenhaus mitteilte, habe Schmitt 2456 Thorax-Aufnahmen aus der Zeit zwischen dem 1. November 2019 und dem 30. April 2020 verglichen. In Straßburg wie in Colmar war je ein erster Covid-19-Patient Ende Januar eingeliefert und positiv auf das Virus getestet worden. Der erste Kranke starb im Albert-Schweitzer-Krankenhaus am 4. März.

Erfahrene Radiologen hätten ältere Aufnahmen von Lungen mit solchen verglichen, die nachweislich von positiv auf das Virus getesteten Patienten stammen.

Aufgrund der Übereinstimmungen zwischen gesicherten Infektionen und Lungenerkrankungen aus dem Vorjahr sind Schmitt und sein Team zu der Überzeugung gelangt, dass der erste Covid-19-Fall in Colmar bereits am 16. November 2019 in die Klinik eingeliefert worden sei – lange, bevor die Ärzte dort etwas von dem neuen Erreger wissen konnten. Aus China war der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der erste Covid-19-Fall erst am 31. Dezember 2019 gemeldet worden.

Aus elsässischer Sicht erlaubt die Colmarer Datenanalyse, die Epidemie auf regionaler Ebene neu zu deuten. So beschreibt Schmitt einen zunächst sehr langsamen Verlauf bis Anfang Februar mit einem dann exponentiellen Anstieg der Ansteckungen sowie einem Höhepunkt der Infektions- und Krankenzahlen Ende März. Zur Ausbreitung des Virus hätten Weihnachtsmärkte, Familienfeste sowie eine religiöse Versammlung Mitte Februar in Mulhouse beigetragen. Anlass für die Untersuchung war eine große Zahl von Patienten, die im Winter grippeähnliche Symptome gezeigt hatten und bei denen die Krankheit einen ungewöhnlich schweren Verlauf genommen hatte.

Forscher: Sars-CoV-2 entstand womöglich im Oktober 2019

Der frühe Patient aus Bobigny litt unter trockenem Husten, Fieber, Müdigkeit und schweren Atembeschwerden, also für Covid-19 typischen Symptomen. Er hatte weder Kontakt nach China, noch war er von einer Auslandsreise zurückgekehrt. Angesteckt haben könnte er sich, so vermuten es die Ärzte, bei seiner Frau, die in einem Supermarkt in der Nähe des Flughafens Charles de Gaulle arbeitet. Sie selbst stellte bei sich keine Symptome fest. Ein Sprecher der WHO sagte der dpa, dass es auch in der chinesischen Stadt Wuhan schon im Dezember mysteriöse Lungenerkrankungen gegeben habe, die man zunächst nicht auf die Infektion mit einem neuen Virus zurückgeführt habe.

Derweil legen Ergebnisse eines Forscherteams um Francois Balloux vom University College London nahe, dass erste Infektionen schon Anfang Oktober aufgetreten sein könnten. Über ihre in der Fachzeitschrift Infection, Genetic and Evolution publizierten Erkenntnisse berichtet der Sender n-tv. Die Londoner Forscher haben 7666 Genproben untersucht, die von Covid-19-Patienten aus verschiedenen Ländern gewonnen worden waren. Dabei legten sie ihr Augenmerk auf die genetischen Veränderungen der Krankheitserreger. Anhand dieser Mutationen, die stattfinden, während das Virus sich an seine Umgebung anpasst, haben sie die Geburtsstunde von Sars-CoV-2 berechnet. Seine Entstehung grenzen sie auf den Zeitraum zwischen dem 6. Oktober und 8. Dezember 2019 ein.