Im Glanz traditioneller Vielfalt

Andrea Kurz

Von Andrea Kurz

Mi, 08. Mai 2019

Gutach im Breisgau

Die Trachtenkapelle Siegelau begeistert mit ihrem 3. Traditionskonzert / Hohe Auszeichnung vom Verband für Gerhard Schneider.

GUTACH-SIEGELAU. Das Traditionskonzert der Trachtenkapelle Siegelau fand beim Publikum im vollbesetzten Vereinshaus großen Anklang. Sabine Wölfle, Präsidentin des Oberbadischen Blasmusikverbandes (OBV), übergab Gerhard Schneider die große goldene Ehrennadel für 50 Jahre aktive Mitgliedschaft.

Ist klassische Blasmusik noch zeitgemäß? Stephan Wehrle, Dirigent der Trachtenkapelle Siegelau, war dieser Frage nachgegangen und hatte für das inzwischen 3. Traditionskonzert ein Programm zusammengestellt, bei dem ausschließlich Blasmusikwerke aus den beiden letzten Jahrhunderten zur Aufführung kamen – ein Streifzug, der die ganze Bandbreite der Blasmusik abbildete.

Militärmärsche, Serenaden, beliebte Operettenmelodien waren genauso vertreten wie echte Raritäten. Wie viel Zeit und Herzblut Wehrle in diesen Spielplan gesteckt hatte, ließ sich nur erahnen. In seiner Doppelfunktion als Dirigent und Moderator hatte er für jedes der insgesamt 13 Musikstücke interessante Hintergrundinformationen gesammelt – alle ausführlich zu referieren, würde den Rahmen sprengen. Kurzweilig berichtete Wehrle über die Komponisten, deren etwaige Auftraggeber, die Funktion der Werke oder die Absicht dahinter und half damit den Zuhörern, die Musik in den jeweils vorherrschenden Zeitgeist einzuordnen. Ein weiteres Bestreben des Dirigenten bei der Auswahl der Stücke war offensichtlich auch, jedem Register die Gelegenheit zur Präsentation zu geben.

So etwa dem Schlagwerk in dem Stück "Glasnost", das die russische Nationalhymne in verschiedenen Rhythmen interpretiert. Dieses Werk hatte der niederländische Komponist Jacob de Haan unter dem Pseudonym "Dizzy Stratford" geschrieben – eine durchaus übliche Vorgehensweise, wenn ein Komponist seinen Namen "schonen" und etwas Neues ausprobieren wollte. Eine Melodienfolge aus Guiseppe Verdis Werken (bearbeitet von Walter Tuschla) brachte den Trompeten und Klarinetten erste Bravorufe eines französischen Zuhörers ein, denen noch weitere folgen sollten.

Nach den ersten Darbietungen nahm sich Vorsitzender Daniel Haberstroh die Zeit, den Werdegang seines Musiker Kollegen Gerhard Schneider zu skizzieren. Seit 50 Jahren bereichere Schneider nicht nur als aktiver Musiker, sondern auch als ehemaliger Schriftführer und Beisitzer die Trachtenkapelle, so Haberstroh. "Sie haben den größten Teil Ihres bisherigen Lebens der Musik gewidmet", sagte Sabine Wölfle, die Präsidentin des Oberbadischen Blasmusikverbandes, anerkennend zu den Verdiensten Schneiders und übergab ihm die große goldene Ehrennadel nebst Urkunde.

Es folgte die mit locker leichten 11/8- und 12/8-Takten beschwingte "Serenade op.22" von Derek Bourgeois, die der Musiker für seine eigene Hochzeit komponiert hatte. Ein "echter Kracher" war das traditionelle Stück "Boarisch tanz ma", gespielt von "s’ Solers Stubemusik"– einer Untergruppe der Trachtenkappelle. Hier glänzte Yannik Ruf mit einem Solo auf seiner Steirischen Harmonika. Dann entführten die Musiker das Publikum mit "Die schöne Helene" (Jaques Offenbach) in die Welt der Operette. Operetten mit ihrer leichteren Handlung und Musik waren für die einfacheren Leute und als Antwort auf die dem Adel vorbehaltenen Opern mit deutlich komplizierterem Inhalt gedacht, erläuterte Wehrle.

Der preußische Präsentiermarsch von König Friedrich Wilhelm III (1806) ist ein klassischer Marsch zum Abschreiten der Front, der auch heute noch als Teil des diplomatischen Protokolls zur Begrüßung von Staatsgästen gespielt wird.

Ganz das musikalische Gegenstück ist "The Typewriter" von Leroy Anderson aus dem Jahre 1950. Hier werden das Tastengeklapper und der Klingelton des Schlittens einer Schreibmaschine als Instrumente eingesetzt – "gespielt" von Tobias Weber, dem das Publikum für seinen Auftritt anerkennendes Gelächter zollte.

Nach einem weiteren Armeemarsch folgte die leichte Polka "Ein Herz für Blasmusik" (Mathias Rauch), deren Noten von vier frisch gebackenen Siegelauer Handwerksmeistern gestiftet waren.

Noch einmal gab es Operettenmusik: "Eine Nacht in Venedig" (Johann Strauß, Sohn). Dem heiteren Durcheinander des "sündigen Inhalts", so Wehrle, begegnete die Trachtenkapelle mit einer "unschuldigen, wunderschönen Melodie". Mit dem "Fliegermarsch" (Hermann Dostal, 1912) präsentierten die Musiker dem Auditorium eine weitere Stilrichtung. Der "Fliegermarsch" betrifft nämlich keinesfalls eine Armeetruppe, sondern beschreibt – von einem witzigen Text unterstützt – die Fahrt in einem Heißluftballon. Gesungen wurde von allen Musikern, die gerade kein Instrument in der Hand oder am Mund hatten.

Das Publikum erhielt für seinen begeisterten Applaus zwei weitere Zugaben von der Trachtenkapelle.