Grafschaft Donegal

Im wilden Westen von Irland

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Fr, 08. November 2019 um 14:32 Uhr

Reise

Spektakuläre Klippen, Leuchttürme, in denen man wohnen kann, und sogar Alpakas. Irland hat im Nordwesten viele Gesichter. Romantische, dann wieder archaische, aber immer beeindruckende.

Die Frage hängt über den Köpfen wie eine Gewitterwolke, und Dave weiß nicht so recht, wie er sie den Mitreisenden erklären soll. Dave, das muss man wissen, ist eine Seele von Mensch. Freundlich, stets hilfsbereit und meist ein spitzbübisches Schmunzeln im Gesicht. Doch jetzt, ohne jedwede Vorankündigung, ist sein Lächeln einer nachdenklichen Miene gewichen. Und – schwups – ist auch schon die Fahne an der Frontscheibe weg. Dave ist Busfahrer und hat die sechsköpfige Reisegruppe vor etwa zwei Stunden am Flughafen Dublin in sein Gefährt gepackt. Es geht Richtung Norden, hoch zur Inishowen Halbinsel in der Grafschaft Donegal, an deren Spitze Irlands nördlichster Punkt liegt.

An Daves Gefährt sind Nummernschilder der Republik Irland geschraubt, mit denen er das Einholen des grün-weiß-orangenen Textils erklärt. Dave möchte nicht auffallen. Gerade jetzt nicht, wo es zwischen dem nordirischen Strabane und dem irischen Lifford über die Grenze geht. Um schneller nach Norden zu kommen, hatte Dave die Abkürzung durch Nordirland gewählt, jenes Eck im Nordosten der Insel, das zu dem aus London regierten Vereinigten Königreich zählt. Es sind diffizile Zeiten. Die Briten wollen raus aus der Europäischen Union, in Irland droht womöglich das Wiederaufleben alter, längst vergessen geglaubter Zeiten. Schlagbäume an den Grenzen, dazu Kontrollen und Zölle, Unruhen womöglich dazu.

Die Grenze wird kaum wahrgenommen

Strabane, erklärt Dave, war vor dem Friedensabkommen im Jahr 1998 ein Hotspot der politischen Auseinandersetzung. Da möchte er mit der Fahne der Republik im Auto nicht als Provokateur auftreten. Sicher ist sicher. Auch wenn in dem lieblichen Landstrich, wie auch an der Grenze überhaupt, nichts mehr an einst erinnert. Es gleicht einer Fahrt von Südbaden hinüber ins Elsass, nur die farblichen Straßenmarkierungen zeigen an, in welchem Landesteil man sich gerade befindet. Dazu die Angaben auf den Schildern. In der Republik wird nach Kilometern gerechnet, in Nordirland gelten Meilen. Und natürlich das Geld: hier Euro, dort Pfund. Das mögliche Zurück in die Vergangenheit lässt zumindest die Bewohner der Republik mit Schaudern an den Ausgang des Zwistes zwischen der EU und London denken.

Unser Augenmerk gilt aber nicht der Politik. Wir sind gekommen, um den nördlichen, im abgelegenen County Donegal verlaufenden Wild Atlantic Way zu erkunden. Den wilden Weg entlang des Atlantiks gibt es seit 2014. Er soll vor allem den Besuchern die atemberaubende Kulisse an der Westküste der grünen Insel zugänglich machen. Auf einer Länge von mehr als 2500 Kilometern, von oben im Norden bis hinunter in den Süden Irlands. In Donegal, so heißt es, soll es spektakulär sein. Dort, wo sich liebliche, kilometerlange Sandstrände in menschenleerer Landschaft mit schroffen Felsküsten abwechseln.

Weiter Weg nach Malin Head

Es ist ein weiter Weg nach Malin Head. Irlands nördlichster Punkt umgibt die Aura des Besonderen. Ähnlich des Nordkaps oder anderen exponierten Zielen. Wer hier lebt, sei es Mensch oder Tier, muss vor allem mit den Unbotmäßigkeiten des Wetters leben. Sanfte Winde sind eher selten, weitaus öfter bläst es in beachtlicher Stärke. Auch regnet es öfter. Was hier aber niemanden grämt. Liquid Sunshine, flüssigen Sonnenschein, nennen die Iren mit einem Augenzwinkern die ständigen meterologischen Volten. An ganz besonders klaren Tagen, so wird erzählt, sei sogar die Küste Schottlands am Horizont auszumachen.

Dieses Glück ist uns nicht hold, dafür aber dürfen wir in die Augen von ein paar Alpakas blicken. John McGonagle hat sich die begehrte Wolle spendenden Tiere aus den südamerikanischen Anden angeschafft. Mit ihnen zusammen bietet er Wanderungen durch die von Stechginster und Gras überzogene Landschaft an. Das macht zumindest den zweibeinigen Gästen Spaß. Badger, so heißt das Leittier, mag sich dem Tempo der Wanderer aber nicht immer unterwerfen. Er ist etwas bockig und bleibt auch gerne mal stehen. Mit dem mitgeführten Beutel an Trockennahrung sind aber auch Badger und seine hungrigen Kumpels gut zu bestechen.

Die karge, wilde Landschaft bei Malin Head diente auch als Drehort für die Star Wars Saga. Voller Bewunderung und Stolz erzählt man sich von dem Filmtross, der in den 1980er-Jahren dort auftauchte. In den Pubs der Gegend zeugen Bilder vom höchst menschlichen Dasein der Schauspieler und Filmschaffenden. Für manchen Fan ist Malin Head zu einer Art Pilgerstätte geworden. Abends, beim Essen, offenbart Irland einen weiteren Schatz. Küche und Keller haben hier weit mehr zu bieten als Guinness-Bier und Fish and Chips. Verwöhnte Gaumen werden in vielen Häusern aufs Beste zufrieden gestellt.

Beeindruckender Fjord

Anderntags geht es entlang des Lough Swilly, dem beeindruckenden Fjord, der die Inishowen Halbinsel von der wild zerklüfteten Westküste trennt, in Richtung Rathmullan, Kerrykeel und Portsalon. Vorbei an der Ballymastocker Bay – ein Strand, dem sachkundige Kenner attestieren, einer der schönsten der Welt zu sein. Die Temperatur des Wassers lässt das Auspacken der Badehose gleichwohl wenig angeraten erscheinen. Ziel der Reise ist ein Sehnsuchtsort der besonderen Art: das Fanad Head Lighthouse. Ein Leuchtturm auf schroffen Klippen, vom Wind umtost und abseits der Zivilisation.

Wo einst drei Leuchtturmwärter über Monate hinweg ihren ebenso wichtigen wie eintönigen Job versehen mussten, regiert heute modernste Technik. Alles wird über eine landesweit agierende Zentrale gesteuert. Menschen braucht es nur noch für Inspektionen und zur Führung von Touristen. Eine schmale Wendeltreppe führt nach oben in den Turm. Wobei die Vorstellungskraft nicht ausreichen will, die vom diensthaben Personal in Erinnerung gerufenen Vorfälle und Katastrophen auch nur annähernd zu begreifen.

Viele Wracks von Handels- und Kriegsschiffen liegen vor der Küste auf Grund. Hunderte von Menschen verloren in der rauen See ihr Leben. Exakte Karten und elektronische Leitsysteme haben die Lage mittlerweile aber entspannt: auf See und an Land. Wer Lust hat, kann im Lighthouse ein Zimmer beziehen. Wie übrigens in vielen anderen Leuchttürmen in Irland. Der Komfort ist naturgemäß begrenzt, Selbstversorger sollte man sein. Auch der Pub liegt hier nicht gerade um die Ecke.

Schauspiel der Natur

Nur wenige Kilometer entfernt, gibt die Natur ein weiteres Schauspiel. Die Route führt uns ein Stück weit weg vom Wild Atlantic Way. Wir kommen ins Land der Schafe und Kühe. Etwa 160 000 Einwohner leben in der auf Gälisch Dhún na nGall geschriebenen und 4860 Quadratkilometer großen Grafschaft. Schafe sind es weit mehr. Rund dreimal so viele. Zusammen mit den Kühen sind die Wiederkäuer eine Wirtschaftsmacht. Oder besser: Sie scheinen eine gewesen zu sein. Die Regierung möchte den Bestand der Rindviecher ausdünnen. Auch in Irland weiß man, dass das viele Methan die Umwelt belastet. Dazu geht die Nachfrage nach Fleisch kontinuierlich zurück. So ist auch die Schafzucht nicht mehr das, was sie einst war. Das Scheren der Tiere kostet heute mehr, als deren Wolle auf den Märkten einbringt. Was bedeutet: Die Zahl der Vollerwerbslandwirte nimmt ab.

Es ist die geografische Lage im äußersten Westen Europas, die den Iren Sorge bereitet. Quasi alles, was das Land an Gütern exportiert, kommt auf dem Land- und Seeweg nach Großbritannien oder auf den Kontinent. In der Regel von Dublin mit der Fähre ins walisische Holyhead, von dort auf Straßen weiter nach Dover und anschließend über den Kanal nach Frankreich. Da Fleisch- und Milchprodukte aber von begrenzter Haltbarkeit sind, darf es keine Verzögerungen an Grenzen und Häfen geben. Womit wir wieder beim Brexit wären. "Uns droht immenser Schaden, wenn die Briten ernst machen und Europa ohne entsprechende Verträge den Rücken kehren", sagt ein Vertreter der Kooperative "Donegal Food Tours", die sich die bessere Vermarktung der heimischen Produkte zur Aufgabe gemacht hat.

Über kurvenreiche Straßen, vorbei an schier endlosen Weidegründen, sind wir im Herzen Donegals gelandet: dem Glenveagh National Park. Es ist eine spröde, aber faszinierende Landschaft. Hochmoore bestimmen das Bild, es wird dort auch noch Torf gestochen. Der Brennwert der getrockneten Brocken ist zwar nicht sonderlich hoch, dafür ist der Stoff billig und die meist nicht sehr begüterte Bevölkerung nutzt ihn deshalb auch.

Beliebtes Ziel für Wanderer

Bäume gibt es wenige in den Bluestack Mountains, deren höchste Erhebung mit 674 Metern der Croaghgorm ist. Wanderern ist der markante Bergrücken ein beliebtes Ziel. Der Park beherbergt nicht nur die größten Rotwildbestände Irlands, dazu einige der seit 2001 wieder angesiedelte Steinadler, sondern auch das zwischen 1857 und 1859 erbaute, an einem See gelegene Glenveagh Castle. Ein hübsches Kleinod, das in späteren Jahren auch Künstlern wie Yehudi Menuhin und Greta Garbo Zerstreuung bot. Heute zieht das markante Schloss Touristen aus aller Welt an. Abends lockt in der gemütlichen Ortschaft Ardara noch ein Besuch bei Eddie Doherty. Der ist einer der letzten Handweber in Donegal. Sein Tweed ist weithin bekannt und entsprechend gefragt.

Die Fahrt via Teelin zu den Klippen von Slieve League (Sliabh Liag) ist jetzt ein Katzensprung. Die Klippen, es sind die höchsten Irlands und mit die gewaltigsten Europas, sind über 600 Meter hoch und erstrecken sich über mehrere Kilometer. Wanderguide Paddy Clarke erklärt von einem Aussichtspunkt aus die steil ins Meer abfallende, majestätische Landzunge, die er zu den größten Sehenswürdigkeiten Irlands zählt. Spektakulärer noch als die allseits beworbenen und entsprechend bekannten Cliffs of Moher und Kerry. Es ist ein ganz besonderes Naturspektakel, das mit seiner Wucht und Schönheit gleichermaßen besticht. Gut sechs Stunden kann die Wanderung über den Höhenzug bis ans äußerste Ende der Klippenwand dauern. Ein nicht gerade anstrengungsfreies, aber umso lohnenderes Spektakel.

Über die Stadt Donegal führt die Route zurück nach Dublin. Wieder flammen die politischen Diskussionen auf, als es über nordirische Straßen in die Hauptstadt der Republik geht. Diesmal allerdings musikalisch untermalt – von Gitarrenvirtuose Rory Gallagher bis hin zur Folkgruppe Clannad. Natürlich darf auch der Liedermacher Paul Brady mit dem Traditional "Home of Donegal" nicht fehlen. "Donegal, pride of all" tönt der Chor aus den Lautsprechern in Daves Bus. Keine Frage: Die Einwohner Donegals dürfen stolz auf ihre Heimat sein. Auch uns wird die teils archaische, teils tief romantische Natur in Irlands Nordwesten in angenehmster Erinnerung bleiben.

(Die Reise wurde unterstützt vom irischen Fremdenverkehrsverband.)

COUNTY DONEGAL / Irland

Anreise: Aus Deutschland wird Irland von Aer Lingus, Ryanair, Lufthansa und Eurowings von mehreren Flughäfen aus direkt angeflogen. Eine direkte Fährverbindung besteht von Irishferries vom französischen Cherbourg nach Rosslare und Dublin. Über Großbritannien gibt es unterschiedliche Routen.
Klima: Bedingt durch den Golfstrom herrscht das ganze Jahr hindurch ein mildes Klima. Die Temperaturen fallen kaum unter null Grad, steigen auch kaum über 25 Grad. Schnee und Frost sind äußerst selten.
Beste Reisezeit: April bis Oktober, wobei es im Juli und August vermehrt zu Niederschlägen kommen kann.
Unterkünfte: Irland bietet alle denkbaren Möglichkeiten für jedes Budget: von Campingplätzen und Hostels, über Privatpensionen (B&B) bis hin zu Herrenhäusern und luxuriösen Hotels.
Aktivitäten: Wandern Radfahren, Golfen (über 400 Plätze), Reiten Angeln und Bootsurlaub (Shannon und Erne).
Infos: www.ireland.com
CO2-Kompensation: 12 bis 17 Euro für Hin- und Rückflug