Miese Masche

Immer mehr falsche Polizisten zocken Senioren ab

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Fr, 22. März 2019 um 11:15 Uhr

Südwest

Die Masche ist bekannt, aber sie funktioniert: Ein Betrüger ruft an, gibt sich als Polizist aus und betrügen Senioren um ihr Vermögen. Der Schaden: fast 7 Millionen Euro – alleine vergangenes Jahr in Baden-Württemberg.

Man könnte meinen, die Masche habe sich inzwischen abgenutzt, aber das Gegenteil ist der Fall: Die Zahl der angezeigten Betrugsversuche durch falsche Polizeibeamte ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich, 2018 nochmals massiv angestiegen. In Baden-Württemberg hat sie sich im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht – auf mehr als 7000 Fälle. "Und unsere Erfahrung ist, dass es 2019 offenbar so weitergeht", sagt Kriminaloberkommissar Jonas Seiberle, Leiter der 2016 gegründeten "Ermittlungsgruppe Anruf" im Polizeipräsidium Freiburg.

6,8 Millionen Euro Schaden

Auch im Polizeipräsidium Offenburg registriert man diese Tendenz – allein zwischen Anfang Februar und Anfang März wurden laut Sprecher Yannik Hilger fast 200 Fälle gemeldet. Zwar bleiben laut Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg 95 Prozent im Versuchsstadium. Dennoch stieg die Schadenssumme im Südwesten von 5,3 Millionen Euro (2017) auf 6,8 Millionen Euro im Jahr 2018 an – dies bedeutet einen Zuwachs um mehr als 28 Prozent. Oft erbeuten die Betrüger fünfstellige, mitunter auch sechsstellige Summen.

Seiberle weiß: "Das geht so weit, dass die Geschädigten ihre gesamten Geldanlagen auflösen und auch noch Verwandtschaft um Geld bitten."Außer Bargeld nehmen die Täter oft auch Schmuck und andere Wertgegenstände an sich. Bei den Opfern handelt es sich um Senioren; altmodisch klingende Vornamen im Telefonbuch dienten den Tätern als Hinweis. Die Dunkelziffer ist hoch, denn viele melden den Betrug aus Scham oder Angst, für senil oder dement gehalten zu werden, niemandem. "Eingeschränkte Orientierung im Alter, Naivität, Leichtgläubigkeit, Beratungsresistenz sowie falsch verstandenes Pflichtbewusstsein oder leichtfertige Hilfsbereitschaft der Opfer sind das von Betrügern mit unzähligen Anrufversuchen gesuchte Einfallstor", sagt LKA-Sprecher Ulrich Heffner.
Der erste Kontakt läuft in etwa so ab

  • Anrufer:
"Guten Morgen, Frau Müller. Hier spricht die Polizei. Bitten verschließen Sie sofort Türen und Fenster. Wir haben Einbrecher in Ihrer Gegend festnehmen können."
  • Müller:
"Ich schließe immer alles ab."
  • Anrufer:
"Frau Müller, das ist jetzt ganz wichtig, was ich Ihnen sage. Bei den Vernehmungen haben die angegeben, dass zwei weitere Einbrecher noch auf der Flucht sind. Bei der Durchsuchung der Täter haben wir einen Zettel mit Namen und Anschriften gefunden. Ihr Name und Ihre Anschrift sind auch dabei. Frau Müller, haben Sie Schmuck, Bargeld oder sonstige Wertsachen im Haus? Diese Sachen sind jetzt in akuter Gefahr. Bitte helfen Sie uns, damit wir weitere polizeiliche Maßnahmen zu Ihrem Schutz einleiten können."
  • Müller:
"Oh Gott, also Schmuck und Bargeld habe ich zu Hause. Eine alte Münzsammlung auch."
  • Anrufer:
"Frau Müller, da müssen wir sofort etwas tun, damit Ihre Wertsachen nicht in Gefahr geraten..."

Die falschen Polizisten am Telefon bitten das Opfer, Geld und Wertsachen einzupacken, ein Kollege in Zivil komme und hole alles zur Verwahrung ab. Oder sie bitten die Senioren um angebliche Mithilfe – dass sie den Lockvogel geben. Zum Teil verwenden sie die Namen echter Polizisten – für den Fall, dass die Opfer misstrauisch werden und sich bei der Polizei erkundigen. Gespräche dauern mitunter stundenlang, zum Teil erstreckt sich der Kontakt über Tage oder Wochen.

Senioren in Todesangst

"Das sind zum Teil regelrecht Theaterstücke, die da inszeniert werden", weiß Seiberle, dessen Ermittlungsgruppe derartige Betrugsfälle in Freiburg und den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen, Lörrach und Waldshut bearbeitet.

Die Täter übten starken Druck aus – es habe Senioren in Todesangst gegeben – und erzählten die wildesten Geschichten: "Das geht dann so weit, dass die Opfer innerhalb kürzester Zeit der falschen Polizei mehr glauben als den echten Bankmitarbeitern", sagt Seiberle. Die auf diese Masche sensibilisierten Bankmitarbeiter würden vergeblich beim Geldabheben oder Schließfachleeren auf die eingeschüchterten Kunden einreden. Denn die Anrufer hätten diesen weisgemacht, dass der Bankberater mit den Verbrechern unter einer Decke stecke und sie das Geld vor dessen Zugriff sicherten. Oder die Anrufer behaupten, das abgehobene Geld sei Falschgeld, das sie als Beweis bräuchten. Es gab Fälle, in denen die Opfer das Geld gar per DHL verschickten.

Fälle untergraben das Vertrauen in die Polizei

Bei dieser Betrugsform handelt es sich um organisierte Bandenkriminalität: Die Hintermänner rufen vom Ausland aus an, in der Regel aus der Türkei. Inzwischen gab es bundesweit Festnahmen nicht nur der leichter zu fassenden Abholer des Geldes, sondern auch von Anrufern und Hintermännern im Ausland. "Die Fälle", sagt Seiberle, "haben eine hohe Brisanz für uns nicht nur wegen des hohen Schadens, sondern auch, weil das Vertrauen in die Polizei untergraben wird."
Tipps bei Anrufen

Wer am Telefon um persönliche Auskünfte, Geld oder Wertsachen gebeten wird, sollte auflegen und gleich die örtliche Polizei oder den Notruf (110 ohne Vorwahl) verständigen. Lassen Sie sich nicht direkt mit der Polizei "verbinden", wenn Ihnen das zur Rückversicherung angeboten wird, Sie landen bei Komplizen. Die Täter verwenden echte Polizei- oder Notrufnummern (die Polizei ruft nie unter 110 an!), achten Sie deshalb nicht auf die Nummer auf Ihrem Display – sie ist nur vortäuscht. Wenn Sie nach dem Auflegen die Polizei verständigen, benutzen Sie nicht die Rückruffunktion. Und: Sprechen Sie mit Vertrauten über merkwürdige Anrufe.