Baden-Württemberg

Immer weniger Bürgermeister-Bewerber im Südwesten

Jens Schmitz

Von Jens Schmitz

Di, 03. Dezember 2019 um 11:59 Uhr

Südwest

Städten und Gemeinden könnten die Bürgermeister ausgehen. Eine Studie zeigt, dass das Amt für qualifizierte junge Menschen unattraktiver geworden ist. Liegt es an der Bezahlung?

Der Landesverband der Bürgermeister fürchtet Kandidatenmangel für die Rathaus-Chefsessel: Bewerber würden zunehmend älter und brächten weniger Qualifikationen mit; der Frauenanteil sei zu niedrig. Das beklagte der Verband am Montag bei der Vorstellung einer neuen Studie.

Zahlreiche Jux-Kandidaten

Es sei wichtig, stets eine ausreichende Zahl an qualifizierten Bewerbern zu haben, sagte Ditzingens Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos), Präsident des Verbands Baden-Württembergischer Bürgermeister. Doch genau das sieht eine neue Studie in Gefahr. "Der Trend geht leicht nach unten", erklärte der Ulmer Politikwissenschaftler Vinzenz Hunzel über die Jahre von 1990 bis 2015. Zu Beginn dieses Zeitraums bewarben sich bei Bürgermeisterwahlen durchschnittlich 2,3 Kandidaten, 25 Jahre später waren es 2,2.

In dieser Zahl seien zahlreiche Jux-Kandidaten enthalten. Und unter den Gewählten gab es eine klare Verschiebung: 1990 bis 1994 entsprachen 43,8 Prozent der Rathauschefs dem Typus des ambitionierten Berufseinsteigers: parteipolitisch ungebundene Verwaltungsfachleute, die bei Amtsantritt nicht jünger als 35 gewesen waren. Lediglich 12,5 Prozent waren, was Huzel als "kühne Quereinsteiger" kategorisiert, nämlich Menschen ohne Verwaltungsstudium. Im Zeitraum von 2010 bis 2015 hatte sich dieses Verhältnis gedreht: Nur 17,7 Prozent hatten den Beruf nach einer entsprechenden Ausbildung direkt angestrebt, 35,4 Prozent als Quereinsteiger begonnen.

Das Ansehen schwindet

Huzels Studie über "Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Baden-Württemberg" ist als Dissertation an der TU Darmstadt entstanden; die Rathauschefs haben ihre Veröffentlichung unterstützt. Dazu gehörte auch eine Befragung, an der mit 531 Bürgermeistern gut die Hälfte der Amtsinhaber im Land teilgenommen hat. Ihr Ergebnis: Der Job wird als zunehmend weniger attraktiv erlebt. Gestaltungsmöglichkeiten würden eingeschränkt, das Ansehen in der Öffentlichkeit schwinde, unangemessene Angriffe häuften sich. Demgegenüber stünden hohe Arbeitszeiten, Gesundheitsrisiken durch Stress, wenig Privatsphäre und eine Besoldung, die in kleineren Kommunen den Wechsel aus dem unbefristeten gehobenen Dienst kaum belohne. Anschlussperspektiven seien rar.

Da die Absolventen der Verwaltungshochschulen in Ludwigsburg und Kehl zunehmend seltener für Bürgermeisterämter kandidieren, sieht Huzel auch die Parteien in der Pflicht, qualifiziertes Personal aufzubauen.

Bezahlung an der Wirtschaft orientieren

Makurath forderte eine Bezahlung, die sich an Leitungsfunktionen in der Wirtschaft orientiert. Höhere Hürden für Spaßbewerber könnten verhindern, dass Kandidatenvorstellungen ausufern und Amtsantritte durch haltlose Wahlanfechtungen verzögert würden. Die größte ungehobene Begabungsressource seien allerdings die Frauen, die an den Verwaltungshochschulen mehr als 70 Prozent der Abgänger ausmachten, sich aber noch seltener als Männer für die Rathausspitze entschieden.

Es gelte, "das Berufsbild so zu entwickeln, dass es attraktiv bleibt", auch mit Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit. Huzel zufolge liegt der Frauenanteil unter den Bürgermeister-Bewerbern im Land bei 8,1 Prozent. Dass Frauen schlechtere Wahlchancen hätten, sei aber ein Mythos: Wo sie kandidiert haben, gewannen sie in 32,7 Prozent der Fälle. Insgesamt waren 2015 gut sechs Prozent der Posten mit Frauen besetzt, im Bundesschnitt waren es mehr als zehn Prozent.