"Sicher und wirksam"

Finn Mayer-Kuckuk und dpa

Von Finn Mayer-Kuckuk & dpa

Mi, 16. September 2020

Deutschland

Die Bundesregierung rechnet mit einem Corona-Impfstoff für Teile der Bevölkerung Anfang 2021.

. Die Bundesregierung geht davon aus, dass ein Impfstoff gegen das Coronavirus in Deutschland für Teile der Bevölkerung in den ersten Monaten des nächsten Jahres zur Verfügung steht, für die breite Masse aber voraussichtlich erst Mitte des Jahres. Entsprechend äußerten sich Gesundheitsminister Jens Spahn und Forschungsministerin Anja Karliczek (beide CDU).

"Wir wollen einen sicheren und wirksamen Impfstoff und nicht per se die Ersten sein", sagte Spahn. Gerade beim Impfen komme es sehr auf Vertrauen an. Ein Impfstoff könne nur zur Anwendung kommen, wenn der Nutzen höher sei als die Risiken, sagte Karliczek. "Von dieser Linie werden wir in Deutschland und Europa nicht abweichen."

Spahn betonte, dass es in Deutschland keine Impfpflicht geben wird. "Es wird zu einer freiwilligen Impfung kommen." Um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, von der man dann spricht, wenn ein Großteil der Bevölkerung geschützt ist, so dass sich die Krankheit kaum noch ausbreiten kann, müssten sich in Deutschland seinen Angaben zufolge 55 bis 65 Prozent der Bürger impfen lassen. "Wir sind sehr, sehr zuversichtlich, dass wir das Ziel einer ausreichend hohen Impfquote freiwillig erreichen." Eine Umfrage hatte Anfang August ergeben, dass sich 44 Prozent der Bevölkerung auf jeden Fall impfen lassen würde. 30 Prozent der Befragten gaben im ARD-Deutschlandtrend von Infratest Dimap damals an, dass sie das wahrscheinlich tun würden. Je 12 Prozent sagten, wahrscheinlich nicht oder auf keinen Fall.

Die Bundesregierung hat sich bisher 94 Millionen Impfdosen für die eigene Wohnbevölkerung gesichert. Davon kommen 54 Millionen von der EU, die einen Großteil der Vorbestellungen solidarisch für alle Mitglieder organisiert. Sie will die Impfdosen dann nach Bevölkerungszahl aufgeschlüsselt verteilen. Weitere 40 Millionen entfallen auf direkte Verträge der deutschen Regierung mit den Anbietern.

Das ist laut Spahn erst der Anfang. Die EU stehe in Verhandlungen mit weiteren Herstellern über die Lieferung von vielen Millionen weiteren Einheiten. Spahn rechnet mit den auf EU-Ebene gesicherten Dosen rund 27 Millionen Deutsche in kurzer Zeit immunisieren zu können.

Um die Bereitstellung der Impfstoffe zu beschleunigen, bezuschusst Berlin die deutschen Hersteller mit einer Dreiviertelmilliarde Euro. Davon gehen nach bisherigem Stand 375 Millionen Euro an das Mainzer Unternehmen Biontech und 230 Millionen an Curevac aus Tübingen. Auf dem Weg zum Impfstoff sind noch viele Hürden zu nehmen. Biontech muss die dritte und letzte Phase seiner klinischen Studien zu Ende bringen; Curevac hängt noch in Phase zwei fest. Beide Anbieter wollen schon vor Genehmigung durch die Behörden mit der Produktion beginnen. Sie stehen vor dem Problem, dass die Substanz auch bei Kühlschranktemperatur nur schlecht haltbar ist. Sie wollen das Mittel nun robuster machen.

Karliczek und Spahn betonen die "weltweite Verantwortung", die ein starker Biotech-Standort wie Deutschland bei der Mitversorgung anderer Lände habe. Doch auch wenn die politischen Führer mit Ausnahme von Donald Trump es nicht so deutlich aussprechen: Es läuft ein Rennen, wer die Impfsubstanz zuerst auf den Markt bringt. Die großen Volkswirtschaften haben bei mehreren Anbietern ein Vielfaches ihrer Bevölkerungszahl bestellt. Berechnungen der Deutschen Bank zufolge haben Großbritannien und die USA am üppigsten zugegriffen. Beide haben für jeden Einwohner fünf Impfdosen von verschiedenen Herstellern gesichert. Die EU wird voraussichtlich auf vier Einheiten pro Einwohner kommen.

Während Schwellenländer wie China und Indien erfolgreich an eigenen Produkten forschen, sind große Teile Afrikas, Südostasiens und andere ärmere Weltgegenden auf Importe angewiesen. Wenn die US-Firma Moderna und Biontech das Rennen machen, dann gehen diese zunächst leer aus, stellen die Analysten der Deutschen Bank mit Blick auf die Vorbestellungen fest. Wenn dagegen der chinesische Anbieter Sinovac das Rennen macht, dann erhalten dessen Partnerländer wie Indonesien den Impfstoff vergleichsweise früh.