Kaukasus

In Berg-Karabach droht Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan

Stefan Scholl, Agenturen

Von Stefan Scholl & Agenturen

Mo, 28. September 2020 um 18:51 Uhr

Ausland

Bei Kämpfen zwischen den verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan sind mehrere Menschen verletzt und getötet worden. Ein jahrzehntelanger Konflikt droht erneut zu eskalieren.

Armenien rief den Kriegszustand aus und kündigte eine Generalmobilmachung des ganzen Landes an. Zuvor hatte Aserbaidschan eine Militäroperation angekündigt sowie von einer Eroberung von sieben Dörfern gesprochen.

Armenien rief am Sonntag die Generalmobilmachung aus

Panzer kriechen durch die Steppe, hinter ihnen rückt eine Schützenkette vor. Dann schlägt eine Rakete ein, einer der Panzer verschwindet in einer Qualmwolke. Das Video, das feindliche Truppen unter gezieltem Beschuss zeigt, veröffentlichte am Wochenende das armenische Verteidigungsministerium. Regierungschef Nikol Paschinjan verkündete auf Facebook, in Berg-Karabach stellten sich die Armenier erfolgreich einem Angriff der Aserbaidschaner entgegen. "Seid bereit, unsere heilige Heimat zu schützen!"

Der seit Jahrzehnten ungelöste Konflikt zwischen den Kaukasusstaaten Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach droht wieder, ein offener Krieg zu werden. Die von Armenien kontrollierte Region gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Armenien rief am Sonntag die Generalmobilmachung aus. Alle Wehrpflichtigen hätten sich bei ihren Militärkommissionen zu melden. Aserbaidschans "autoritäres Regime hat dem armenischen Volk erneut den Krieg erklärt", sagte Regierungschef Paschinjan am Sonntag im armenischen Fernsehen. Er fügte hinzu: "Wir stehen vor einem umfassenden Krieg im Südkaukasus", der für die Region und möglicherweise auch darüber hinaus "unabsehbare Folgen haben könnte".

Aserbaidschans Präsident Ilcham Aliyew sprach in einer TV-Ansprache von laufenden Kampfhandlungen und getöteten aserbaidschanischen Soldaten und Zivilisten. "Ihr Blut bleibt nicht ungesühnt." Aserbaidschan will nach Darstellung von Präsident Aliyev den Konflikt um Berg-Karabach nun vollständig lösen – offenbar militärisch. "Das Problem Berg-Karabach ist unsere nationale Aufgabe. Die Lösung ist unser historischer Auftrag", sagte er am Sonntag der aserbaidschanischen Agentur turan.az zufolge.

Zuvor hatte er den Beginn einer Militäroperation in dem von Armenien kontrollierten Konfliktgebiet erklärt. "Ich habe mehrfach gesagt, dass wir keine unvollkommene Lösung dieser Frage, dieses Konflikts brauchen", sagte er. Aserbaidschan beklagt den Verlust von etwa 20 Prozent seines Staatsgebiets. "Wir werden niemals die Gründung eines zweiten sogenannten armenischen Staates auf aserbaidschanischem Boden zulassen." Aliyev sprach von einer militärischen Gegenoffensive, nachdem er Armenien vorgeworfen hatte, mit dem Angriff begonnen zu haben.

Laut den Armeniern attackierte Aserbaidschan mit Kampfflugzeugen und Raketenwerfern gezielt zivile Objekte und Schulen, eine Mutter und ihre Tochter seien umgekommen. Armenische Militärsprecher verkündeten den Abschuss von zwei gegnerischen Hubschrauber, drei Panzern und 14 Drohnen. Die Gegenseite gab den Verlust eines Hubschraubers zu, meldete die Einnahme von sechs Dörfern und die Vernichtung von 12 Flak-Raketenwerfern der Armenier.

Schon im Juli hatte es blutige Grenzgefechte gegeben. I988 war in dem mehrheitlich armenischen Bezirk der damaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan ein blutiger Kleinkrieg ausgebrochen. Er dauerte vier Jahre.

Baku fordert die Rückgabe Karabachs

Nach Gemetzeln auf beiden Seiten vertrieben die christlichen Armenier außer den aserbaidschanischen Kämpfern auch die muslimische Zivilbevölkerung. Seitdem fordert Baku die Rückgabe Karabachs, außerdem des Landkorridors zur gemeinsamen Grenze, den ebenfalls Armenien kontrolliert. Mehrere Verhandlungsrunden unter Vermittlung der OSZE und Moskaus scheiterten. Russland unterhält im armenischen Gjumri einen Militärstützpunkt und gilt als Verbündeter. Aserbaidschan wird von der Türkei unterstützt.