Neue Studie zum Wohnungsbau

In den Städten werden zu wenige Wohnungen gebaut – und zu viele auf dem Land

dpa

Von dpa

Mo, 22. Juli 2019 um 19:23 Uhr

Wirtschaft

In und um die Städte herrscht häufig Wohnungsmangel, in vielen ländlichen Regionen Deutschlands wird hingegen zu viel gebaut. Das gilt auch für Baden-Württemberg, zeigt eine neue Studie.



Notunterkünfte für Studierende, Hochhauspläne und steigende Mieten – in den Städten im Südwesten mangelt es an Wohnungen. Zugleich wird auf dem Land oft zu viel gebaut. Das zeigt eine aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft.

Ob Freiburg, Karlsruhe oder Stuttgart: In Baden-Württembergs größten Städten werden einer Studie zufolge deutlich weniger Wohnungen gebaut als benötigt. Anders sieht es laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in Teilen des Schwarzwalds aus – hier wird der Bedarf sogar übererfüllt. Die Autoren verglichen für ihre Berechnungen die Zahl der in den vergangenen drei Jahren fertiggestellten Wohnungen mit dem Bedarf, den sie anhand von Faktoren wie Bevölkerungsentwicklung und Leerständen schätzten.



Freiburg ist nach Angaben des IW Schlusslicht im Südwesten – nur etwa zwei Fünftel des Bedarfs werden hier vom Wohnungsbau gedeckt. Das bekamen auch mehr als 100 Studierende zu spüren, die zu Beginn des Wintersemesters 2018/2019 zunächst in eine Notunterkunft ziehen mussten, bis sie eine eigene Wohnung gefunden hatten. Den Bewohnern schien das wenig auszumachen. "Es ist eigentlich immer eine sehr gute Stimmung", sagt Renate Heyberger vom Studierendenwerk. Diese Art Jugendherberge sei ein guter Einstieg in eine neue Stadt.

Für mehr Wohnraum in Freiburg soll unter anderem der neue Stadtteil Dietenbach sorgen, der in etwa sechs Jahren rund 15 000 Menschen Platz bieten soll - eines der größten Wohnneubauprojekte Deutschlands nach Angaben der Stadtverwaltung. Ein Bürgerentscheid hatte im Februar den Weg für das Projekt freigemacht.

Karlsruhe landet laut IW auf dem vorletzten Platz im Südwesten: Der Wohnungsbau deckt hier demnach 48 Prozent des Bedarfs. Hier denkt man darüber nach, ob Hochhäuser für Entspannung sorgen könnten. Die Stadt arbeitet dazu an einem Konzept, das voraussichtlich bis Ende 2019 fertig sein soll. Denkbar seien Standorte außerhalb der Innen- und Altstadt, heißt es von der Stadt.

Starker Zuzug und fehlende Baugebiete

Auch in Mannheim und Stuttgart ist die Lage nach wie vor angespannt. Hier werden laut IW nur 55 und 56 Prozent des Bedarfs gedeckt. Dennoch sieht Ralph Henger, Mitautor der Studie, mit Blick auf die Landeshauptstadt auch Positives: "Was mir an Stuttgart vor allem gefällt, ist, dass die zusammenarbeiten, Stadt und Umland." In den angrenzenden Landkreisen Esslingen und Ludwigsburg wird allerdings laut der Studie ein noch geringerer Anteil des Wohnungsbedarfs gedeckt als in Stuttgart selbst. "Es reicht nicht aus", sagt Henger mit Blick auf das Gesamtbild. Die Mieten steigen laut Studie in Stuttgart stärker als zum Beispiel in Hamburg oder Frankfurt.

Neben dem starken Zuzug wird immer wieder ein Grund für den Wohnungsmangel genannt: zu wenige Bauflächen. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) forderte Städte und Kommunen auf, vorhandene Flächen zu nutzen und Baugebiete auszuweisen, besonders in Ballungsräumen. "Mit Innenentwicklung allein werden wir hier den enormen Wohnraumbedarf nicht decken können." Das dauere allerdings oftmals lange, da es in den Behörden zu wenig Personal gebe, gab Ralph Henger zu bedenken.

"Insgesamt besteht in den Metropolen ein gravierender Wohnungsmangel." Autoren der Studie
Wie in Baden-Württemberg sieht die Situation in ganz Deutschland aus. In den sieben größten Städten hierzulande werden viel zu wenige Wohnungen gebaut, in vielen ländlichen Regionen zu viele. Am miesesten unter den Metropolen sah es zuletzt in Köln aus, wo der Bedarf an Neubauwohnungen seit 2016 nicht einmal zur Hälfte gedeckt werden konnte (46 Prozent). "Insgesamt besteht in den Metropolen ein gravierender Wohnungsmangel", schreiben die Autoren Ralph Henger und Michael Voigtländer.

Nur wenig besser als in Köln war die Lage in München (67 Prozent), Berlin (73) und Frankfurt/Main (78). "Hier fehlen nicht nur aktuell Wohnungen, sondern auch längerfristig bedarf es einer weiteren Steigerung der Bautätigkeit." Vergleichsweise gut, aber ebenfalls noch deutlich unter Bedarf schnitten Hamburg und Düsseldorf mit jeweils 86 Prozent ab.

Auf dem Land wird zu viel gebaut

Dies zeigt auch die Statistik zum sogenannten Bauüberhang – also die Zahl der Wohnungen, die schon genehmigt, aber noch nicht fertiggestellt wurden. Deren Zahl wuchs in den sieben Metropolen von 2016 bis 2018 den Angaben zufolge von rund 88.000 auf 123.000. Die Situation war von Stadt zu Stadt aber unterschiedlich – in Köln und Stuttgart blieb der Überhang in etwa gleich, während er in Berlin, München, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf stark wuchs.

Ganz anders sieht es auf dem Land aus: Dort wird mancherorts zu viel neu gebaut, etwa in Sachsen-Anhalt, Sachsen, im Saarland und am Rande Bayerns. "Obwohl es auf dem Land viel Leerstand gibt, entstehen relativ viele Neubauten, die bevorzugt werden, obwohl Umbauten im Altbestand vielerorts sinnvoller sind", sagte Studienautor Henger. Der Grundsatz "Umbau vor Neubau" sei hier wichtig. In einem Drittel der deutschen Kreise sollte "die Bautätigkeit im Neubau gebremst werden, um ein Überangebot zu vermeiden".

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