Ermittlungen

In einem Auslandsprojekt für Schwererziehbare sollen Jugendliche misshandelt worden sein

dpa

Von dpa

Fr, 20. September 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Die Berichte über Maramures könnten nicht unterschiedlicher sein. Von Prügel und Sklavenarbeit sprechen die einen, von einer Super-Zeit die anderen. Nun wird ermittelt und es gibt Kritik an den Projekten.

Nebel steigt aus den Wiesen auf, im Hintergrund erheben sich die Gipfel der Karpaten, auf anderen Bildern sind Pferdewagen und Holzhütten zu sehen: Mit idyllischen Fotos wirbt der niedersächsische Jugendhilfeträger Wildfang für das Projekt Maramures in Rumänien. "Das Geheimnis unserer Arbeit ist ein stets respektvoller und immer klarer Umgang mit den Jugendlichen", steht auf der Internetseite des in Bothel ansässigen Trägers, der seit Jahren Teenager aus schwierigen Lebensverhältnissen in die von einem deutschen Ehepaar geführte Einrichtung vermittelt.

Doch seit dem 29. August stehen schwere Vorwürfe im Raum: In dem Projekt sollen mehrere Jugendliche misshandelt worden sein. Die auf organisiertes Verbrechen spezialisierte Staatsanwaltschaft in Bukarest teilte nach einer Razzia mit, die 12- bis 18-Jährigen sollen in dem Heim nahe der ukrainischen Grenze "in Bedingungen wahrhafter Sklaverei" ausgebeutet worden sein. Der deutsche Projektleiter sowie mehrere Mitarbeiter wurden verhaftet, die Fahnder beschlagnahmten Akten, Computer sowie rund 146 000 Euro.

Ermittelt wird wegen Menschenhandels, Handels mit Minderjährigen und illegaler Freiheitsberaubung im Zeitraum von 2014 bis August 2019. Ein geflohener Jugendlicher hatte Berichten zufolge die Behörden alarmiert. Er wurde gemeinsam mit drei weiteren Teenagern aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen vom rumänischen Kinderschutzamt in Obhut genommen. Die Staatsanwaltschaft spricht von Schlägen, Nahrungsentzug und Isolationshaft. "Wenn wir irgendeinen Fehler machten, wurden wir mit Prügel bedroht und übel verprügelt", zitiert der NDR aus den Ermittlungsakten. Der Anwalt des festgenommenen Deutschen, Ioan Sas, sagte, es werde geprüft, ob die Aussagen der Jugendlichen glaubhaft seien.

Häufig werden Mädchen und Jungen von den Jugendämtern in Auslandsprojekte gesteckt, wenn Hilfen in Deutschland gescheitert sind. Es können langjährige Schulverweigerer sein, Kinder mit Suchtproblemen oder schon einer kriminellen Karriere. Voraussetzung ist die Einwilligung der Sorgeberechtigten. Die Hilfen zur Erziehung im Ausland werden nur in Ausnahmefällen gewährt. Rund 400 sind es jährlich bundesweit. Die Tagessätze in Maramures sind laut Wildfang mit den Kosten der Unterbringung in deutschen Einrichtungen vergleichbar.

Das Projekt sei mehrfach von rumänischen Kinderschutzbehörden überprüft worden, betont der Träger. Zudem werde es durch kontinuierliche Besuche, Beratungen und Supervisionen aus Deutschland begleitet. Zuletzt waren 23 Jugendliche über Wildfang in Maramures untergebracht, die meisten in Gastfamilien. Fünf von ihnen reisten laut niedersächsischem Sozialministerium nach den Festnahmen freiwillig aus.

Jonelle Kooi wurde vom für sie zuständigen Jugendamt Leer zurück nach Deutschland geholt. "Freiwillig wäre ich da nicht weggegangen. Mir hat es super dort gefallen", sagt die junge Frau. Fast zwei Jahre war die 18-Jährige in dem Projekt. Nach drei Monaten wechselte sie vom Haupthaus in eine Gastfamilie. Von Schlägen oder Sklavenarbeit habe sie nichts mitbekommen, betont Jonelle Kooi. "Wenn man Holz reintragen muss, ist das keine Sklavenarbeit."

Der Hof des Paares aus Sachsen-Anhalt stand bereits vor zehn Jahren in der Kritik. "Werden niedersächsische Jugendliche Opfer "schwarzer Pädagogik" und als billige Arbeitskräfte missbraucht?", fragte die SPD im Landtag von Hannover. Der Landkreis Celle hatte Ende 2009 ein Mädchen aus dem Projekt abgezogen. Dem Kind seien die Haare abrasiert worden, außerdem habe es in Gruppenberichten beleidigende Äußerungen über namentlich genannte Jugendliche gegeben, sagt Kreissprecher Tore Harmening.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) plädiert angesichts der Ermittlungen in Rumänien für schärfere Kontrollen der Auslandsprojekte: "Besonders wichtig ist, dass diese Kontrollen auch direkt im Ausland stattfinden. Die Jugendämter hier in Deutschland müssen sich vor Ort versichern, dass die Träger im Ausland das Wohl der Jugendlichen gewährleisten." Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Landesjugendämter bemängelt, dass immer noch deutschlandweite Standards für die Auslandsunterbringungen fehlen und die Aufsicht allein bei dem für den jeweiligen Teenager zuständigen Jugendamt liegt. Es gebe zwar einen von Mai 2017 stammenden Gesetzentwurf, dieses Gesetz sei aber bisher nicht zu geltendem Recht geworden, kritisiert der BAG-Vorsitzende Lorenz Bahr.