Angriffe auf junge Frauen

In französischen Nachtclubs häufen sich Attacken mit Spritzen

Christine Longin

Von Christine Longin

Sa, 14. Mai 2022 um 18:52 Uhr

Panorama

Dutzende Frauen sind in französischen Nachtclubs mit Spritzen angegriffen worden. Die Attacken lassen ein makabres Spiel vermuten. Über den Inhalt der Spritzen wird noch gerätselt.

Louann kann sich gut an den Moment erinnern, als sie im "Warehouse", dem größten Nachtclub von Nantes, einen Piks in ihrem Hintern spürte: Die 19-Jährige tanzt mit ihren Freundinnen auf der Treppe, als sie der Einstich überrascht. "Ich habe mich sofort umgedreht, aber die vielen Leute in der Dunkelheit machten es mir unmöglich, den Verantwortlichen zu finden", berichtet die 19-Jährige der Zeitung Libération. Sie bekommt Kopfschmerzen, kann sich kaum noch auf den Beinen halten oder sprechen. Eine Stunde später wird die junge Frau im Universitätskrankenhaus von Nantes gründlich durchgecheckt, doch die Untersuchungen ergeben keine Spuren von Drogen in ihrem Körper.

Attacken eventuell mit Liquid Ecstasy

Louann ist kein Einzelfall. Knapp 50 Opfer solcher mysteriösen Nadelattacken, meist Frauen, registrierte der Staatsanwalt von Nantes, Renaud Gaudeul, in den vergangenen Wochen. 18 waren es in Grenoble und 14 in einer einzigen Nacht im südfranzösischen Béziers. Auch aus Cannes, Montpellier und Marseille wird von mysteriösen Angriffen berichtet. Die Opfer schildern ähnliche Symptome wie Louann. Einige teilen in den sozialen Netzwerken ihre Einstichstelle, die oft von einem blauen Fleck umrandet ist. Giftige Substanzen werden bei keiner der Angegriffenen in Blut oder Urin gefunden.

Experten tippen deshalb zunächst auf GHB, auch Liquid Ecstasy genannt, das sich innerhalb von wenigen Stunden im Körper abbaut. Die Vergewaltigungsdroge, die als Flüssigkeit oder Pulver in Bars in Drinks gekippt wird, ruft in geringen Dosen ähnliche Beschwerden hervor, wie Louann sie beschrieb: Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Bewegungsstörungen. In Kombination mit Alkohol kann GHB sogar zum Koma führen.

Bei Louann finden die Ärzte keine Spuren von GHB. Auch sexuelle Angriffe, wie sie nach GHB häufig sind, werden nach den Nadelattacken nicht bekannt.

Spritzen als gefährliches Spiel

Jean-Claude Alvarez, Giftstoff-Experte am Krankenhaus in Garches bei Paris, tippt deshalb darauf, dass die Spritzen, mit denen die Frauen gepikst wurden, leer waren.

"Meine Hypothese ist, dass junge Leute sich damit amüsieren, sich mit leeren Spritzen anzugreifen", sagt er Libération. "Das Ziel bestünde dabei allein darin, sich gegenseitig zu terrorisieren." Eine Art Wettbewerb also oder ein gefährliches Spiel. Die Kopfschmerzen und die Übelkeit, die einige der Opfer spürten, könnten laut Alvarez ein psychologischer Effekt sein. Der Spezialist sorgt sich allerdings darum, dass die Spritzen verunreinigt sind und dadurch Hepatitis oder HIV übertragen können. Alle Aidstests waren bisher jedoch negativ.

In den betroffenen Städten hat die Spritzenpanik bereits dazu geführt, dass weniger Besucherinnen und Besucher in die Nachtclubs gehen. Schon die Angst vor GHB-Vergiftungen hatte in den vergangenen Monaten dem Geschäft geschadet. Unter dem Hashtag "Balance ton bar" (verrate deine Bar) machten Opfer in den sozialen Netzwerken auf die Orte aufmerksam, in denen sie die Droge ins Glas geschüttet bekommen haben sollen. Sogar das Innenministerium warnte in einem Video vor dem Pulver. Wenn nun noch die Spritzenattacken dazu kommen, fürchten viele der von der Corona-Pandemie ohnehin gebeutelten Nachtclubs um ihre Zukunft.

Strengere Maßnahmen als Schutz für Clubbesucher

Der Nachtclub "L’Usine à Gaz" in Béziers gab deshalb bereits 20 000 Euro für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen aus. Neue Überwachungskameras, Funkgeräte und mehr Sicherheitspersonal sollen die Gäste zurückbringen.

Der Staatsanwalt von Béziers, Raphaël Balland, erinnerte daran, dass auf die Verabreichung schädlicher Substanzen drei Jahre Haft stehen. Auch wenn mit einer leeren Spritze gepikst worden sei, gelte das als Angriff mit einer Waffe. Und der wird ebenfalls mit drei Jahren Gefängnis bestraft.