Bezahlbarer Wohnraum

In Hügelheim hat sich ein Hausverein gegründet – für selbstbestimmtes Wohnen

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

Mi, 15. Januar 2020 um 13:45 Uhr

Müllheim

In einem alten Winzerhaus im Müllheimer Ortsteil Hügelheim möchten Menschen zusammenleben – und mehr als nur die Wohnung teilen. Helfen soll das Mietshäuser-Syndikat aus Freiburg.

Noch ist das Haus nur teilweise saniert. Der hintere Teil ist eine große Baustelle, die alten Balken sind freigelegt, im Boden klaffen Lücken. Drei Wohnungen im vorderen Teil aber sind bereits fertig, ökologisch saniert, mit viel Holz und Naturbaustoffen – bis zu sieben könnten es am Ende sein. Auch Gemeinschaftsräume soll es geben, für die Bewohner, aber auch für Veranstaltungen.

Rund 450 Quadratmeter Wohnfläche bietet das Haus. Es soll das Heim einzelner Wohnparteien werden – und das einer großen Gemeinschaft, in der nicht jeder alles besitzt, wo manche Dinge, etwa ein Auto, eine große Gemeinschaftsküche, der Garten, der der Selbstversorgung dient, geteilt werden. Eine bunte, lebendige Gemeinschaft, in der man füreinander da ist und in der jeder seinen Teil beiträgt, das ist die Grundidee.

Das Grundstück ist bereits erworben, das Haus soll noch folgen

Bisher besteht diese Gemeinschaft aus sieben Erwachsenen und vier Kindern, das aber sei variabel, erzählen Jens Witt (63) und Simone Schwan (43), die mit ihren drei Kindern in das Haus einziehen möchten. Vor etwa fünf Jahren habe er das Grundstück entdeckt, erzählt Witt, das Haus, das darauf steht, sollte abgerissen werden. Schon damals dachte er an gemeinschaftliches Wohnen. Doch Witt wollte und konnte das Projekt nicht alleine finanzieren – er holte seinen Sohn dazu. Gemeinsam sanierten sie den ersten Teil des Hauses. Witt bewohnt mittlerweile die Wohnung im Dachgeschoss.

Sein Sohn hat sich inzwischen aus dem Projekt zurückgezogen. Witt fand eine Gruppe von Menschen, die wie er an gemeinschaftlichem Wohnen interessiert waren. Die Gruppe wandte sich an das Mietshäuser-Syndikat in Freiburg, das ihnen riet, den Hausverein Schlossgarten-9 und eine GmbH zu gründen. Diese erwarb letztlich mit Hilfe eines Bankkredits das Grundstück. Als nächster Schritt soll das Haus erworben werden, bis März haben sie Zeit. Die Finanzierungsanfrage bei der Bank läuft. Nach und nach soll dann der restliche Teil des Hauses saniert werden. Etwa ein Jahr werde das dauern, glauben Schwan und Witt. Und der Hausverein Schlossgarten-9 möchte Teil des Mietshäuser-Syndikats werden, das ihm dabei helfen würde, ihren Wunsch nach selbstbestimmtem Wohnen zu moderaten Preisen zu realisieren. Ist das Projekt tragfähig, steigt das Mietshäuser-Syndikat mit ein.

Wenn alles klappt und die Gemeinschaft einziehen kann, legt sie ihre Mieten selbst fest. Darin enthalten sind sämtliche Kosten, die für das Haus anfallen. Auch die Tilgung des Kredits. Diese jedoch soll so ausgestaltet werden, dass die Mietbelastung gering bleibt. Es gehe nicht primär darum, dass das Haus irgendwann in das Eigentum der Bewohner übergeht, so Witt. Sondern um Wohnen zu Mietpreisen, die bezahlbar sind, und um eine langfristige Perspektive. Regelmäßig veranstaltet der Verein Veranstaltungen, um über das Projekt zu informieren – und weitere Mitglieder oder Interessierte zu finden, die das Projekt finanziell über Direktkredite unterstützen .
Mietshäuser-Syndikat

Das Mietshäuser-Syndikat möchte mit seiner Beteiligung an Projekten helfen, diese dem Immobilienmarkt zu entziehen. Es fungiert als Bindeglied zwischen derzeit 149 Hausprojekten und 27 Projektinitiativen, die einen Verbund bilden, heißt es dazu auf der Webseite des Mietshäuser-Syndikats. Jedes dieser Hausprojekte sei dabei rechtlich selbständig, mit einem eigenen Unternehmen, das die jeweilige Immobilie als Gesellschaft mit beschränkter Haftung besitzt. Diese Haus-GmbH hat demnach zwei Gesellschafter: den Hausverein, den die Gruppe, die das Haus entwickeln möchte, zuvor gegründet hat, und das Mietshäuser-Syndikat. Letzteres fungiert dabei als eine Art Kontrollorgan. So soll verhindert werden, dass das Haus unkontrolliert verkauft werden kann. In Grundlagenfragen wie Hausverkauf oder Umwandlung in Eigentumswohnungen hat das Syndikat demnach Stimmrecht, in allen anderen besitzt der Hausverein alleiniges Stimmrecht. Auf diese Weise behalten die Mieter ihr Selbstbestimmungsrecht. Die Projekte eint der Wunsch einer Gruppe von Menschen nach gemeinschaftlichem Wohnen in ausreichend und bezahlbarem Wohnraum, selbstbestimmt und ohne Angst vor Zwangsräumung oder Abriss des Hauses. Gleichzeitig verfügen die Mitglieder meist über wenig Kapital. Daher sei die Anfangsphase ein "ökonomischer Drahtseilakt", der sich jedoch nach wenigen Jahrzehnten deutlich entspanne, heißt es vonseiten des Mietshäuser-Syndikats. Denn für den Erwerb der Immobilie muss sich der Verein Geld leihen. Bei Banken oder sympathisierenden Privatpersonen durch einen "solidarischen Direktkredit", was Kapitalkosten sparen kann. Das Mietshäuser-Syndikat schreibt jedoch auch: "Allerdings sind Direktkredite nicht risikofrei. Hausprojekte sind keine Banken und können auch keine entsprechenden Sicherheiten bieten; auch wenn sich die Syndikatsidee bisher als Erfolgsmodell erwiesen hat, kann ein Scheitern nie ausgeschlossen werden." Um sich gegenseitig zu unterstützen, zahlen bestehende Hausprojekte zudem in einen gemeinsamen Topf, den Solidarfonds ein, aus dem neue Hausprojekte unterstützt werden. Projekte unter dem Dach des Mietshäuser-Syndikats im Ausgabenbereich der BZ Markgräflerland sind die Krone in Sulzburg und der Luzernenhof in Buggingen.

Nächste Veranstaltung: Wintercafé im alten Winzerhaus Hügelheim, Schlossgartenstraße 9, am Sonntag, 2. Februar, Beginn ist um 15 Uhr, gegen 16 Uhr gibt es eine Führung durch das Haus, Infos unter http://www.schlossgarten9.de