Religion

Klöster wie St. Lioba in Günterstal bieten Gemeinschaft statt Egotrips

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 22. September 2020 um 12:07 Uhr

Freiburg

Sind Europas Klöster noch "Sand im Getriebe" der Gesellschaft? Eine Veranstaltung an der Katholischen Akademie suchte nach einer Antwort.

Wenn das Kloster St. Lioba in Günterstal einlädt, kommen meist viele. Dauerhaft in einem Orden leben aber will heutzutage fast niemand mehr. In diesem Dilemma stecken Klöster in ganz Europa. Welche Bedeutung haben diese Orte, die als "Sand im Getriebe" gelten könnten? Darum ging es in der gleichnamigen Veranstaltung an der Katholischen Akademie, wo bis zum 23. Oktober die Ausstellung "100 Jahre Freiburg – 100 Jahre Engagement" über St. Lioba zu sehen ist.

Wie präsent sind Klöster noch?

Dass der Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach die "Pflasterstub’" für wohnungslose Menschen als "erste Adresse in Freiburg" bezeichnet hat, ist für Pater Heinz Lau ein wichtiges Signal. Er ist der Leiter der deutschen Ordensprovinz der Herz-Jesu-Priester, und die Pflasterstub’ wurde 1995 von der Caritas und den Orden gemeinsam gegründet. Wichtig, sagt Heinz Lau, sei auch, dass das Herz-Jesu-Kloster mittlerweile der einzige Ort in Freiburg sei, wo noch regelmäßig Beichten stattfänden.

Doch wie präsent sind Klöster noch? Die Grazer Soziologin Isabelle Jonveaux hat seit 2004 in mehr als 40 Ordensgemeinschaften in Europa, afrikanischen Ländern und Argentinien Ordensleute interviewt. In Europa beobachtet sie überall die paradoxe Entwicklung, dass Klöster zwar immer mehr Gäste anlocken, der Nachwunsch jedoch ausbleibt.

Klöster als Orte neuer Spiritualität

Die Faszination, die Klöster früher für Frauen hatten, die in sozialen Berufen wie der Pflege arbeiten wollten, ist vorbei: Längst hat der Staat diese Bereiche übernommen, längst können Frauen arbeiten, ohne nur die Wahl zwischen Heirat und Ordensleben zu haben. Und doch: Bei einer Befragung unter Katholiken hätten 75 Prozent Klöster als wichtige Orte eingestuft. Etliche Klöster hätten entdeckt, was sie bieten können: Auszeiten, Ruhe, ein Dasein ohne Zwang zu Leistung und Selbstinszenierung. Klöster gälten aber auch als Orte neuer Spiritualität. Das bleibe nicht immer konfliktfrei, manchmal müssten esoterischen Gästen Grenzen gesetzt werden. Auch denen, die auf der Suche nach ökologischen und nachhaltigen Lebensformen sind, präsentieren einige Klöster passende Konzepte.

Doch zu viele Gäste können die Privatsphäre der Ordensleute gefährden. Und wenn Orden sich Sorgen um die Zukunft machen, können sie nicht mehr bieten, was alle erwarten: Hoffnung. Isabelle Jonveaux plädiert dafür, den Blick aus Europa in andere Kontinente zu richten. Denn in afrikanischen und asiatischen Ländern sei der Anteil junger Menschen in den Orden sehr groß. Für Heinz Lau sind die Vorzüge der Klöster gegenüber der derzeitigen Gesellschaft klar: Gemeinschaft statt "Egotrips", Verbindlichkeit statt Beliebigkeit, Gütergemeinschaft statt überflüssigem Konsum, Stabilität statt Unbehaustheit. Viele Menschen kämen mit der Bitte um Ruhe, geistliche Begleitung und Gespräche. Klöster böten Kraft, Spiritualität und würden weder Frauen noch Nationalitäten diskriminieren.

Auch die Kirchenhistorikerin Barbara Henze sieht die Stärken der Orden in diesem Bereich: Ihr Vorteil sei ihr Gemeinschaftsgefühl. Damit könnten sie den Blick über die Kontinente hinweg lenken: "So können wir in Europa lernen, anders über Afrika zu reden."