Corona-Massnahmen

Infektions- und chronische Krankheiten können nicht verglichen werden

Norbert Rösch

Von Norbert Rösch (Emmendingen)

Sa, 26. September 2020

Leserbriefe

Zu: "Das Virus ist keine hinreichende Rechtfertigung für die meisten Maßnahmen", Zuschrift von Rainer Brunner (Forum, 19. September)
Rainer Brunner sieht keine hinreichende Rechtfertigung für die meisten Corona-Maßnahmen und untermauert dies anhand verschiedener Zahlen. Während die Zahlen richtig sind, ist die Art und Weise, wie er diese miteinander in Verbindung bringt, fachlich und methodisch haarsträubend. 473 Corona-zugeordnete Todesfälle im Vergleich zu etwa 50 000 Menschen, die monatlich an Krebs- oder Herz-/Kreislauferkrankung sterben, geben laut Herrn Brunner keinen Anlass, "irgendwen über Gebühr beunruhigen zu müssen". Hierbei vermischt er die Eigenschaften und Krankheitsverläufe von Infektions- und chronische Krankheiten. Eine Infektionskrankheit zeichnet sich – wenn nichts unternommen wird – durch eine schnelle Ansteckung breiter Bevölkerungsteile aus. Eine chronische Krankheit hingegen entwickelt sich über viele Jahre oder Jahrzehnte, die Todesfallanzahl ändert sich nur langsam, und Krankenhäuser laufen nicht Gefahr, kurzfristig überrannt zu werden.

Methodisch ignoriert Herr Brunner das Präventionsparadox: Durch Schutzmaßnahmen ausgebliebene Schäden sind unsichtbar, die Katastrophe ist ausgeblieben, Warnungen und Maßnahmen waren übertrieben. Am 20. März veröffentlichte das Robert Koch Institut (RKI) eine Modellstudie mit den damals erhältlichen Erfahrungswerten bezogen auf Inkubationszeit, Infektiosität, Krankheits- und Sterberate von Covid-19. 4,5 Prozent aller Infizierten würden im Krankenhaus versorgt werden müssen, 25 Prozent von diesen auf der Intensivstation behandelt, wovon die Hälfte nicht überleben würde. Dies ergibt eine Sterberate von circa 0,55 Prozent. Überträgt man diese Sterblichkeit auf 83 Millionen Menschen und unter der Annahme einer 70-prozentigen Herdenimmunität (58 Millionen), entspräche dies in etwa 325 000 Toten – und zwar innerhalb mehrerer Monate unter der (unrealistischen) Annahme unbegrenzter Krankenhauskapazitäten.

Zynisch wird es dann, wenn Herr Brunner am Ende seines Leserbriefs das Virus als unpolitisch bezeichnet. Ist es nicht gerade eine wesentliche Aufgabe der Politik, gesellschaftliches Leid zu reduzieren? Norbert Rösch, Emmendingen