Israel tötet Dschihad-Militär

Anja Reich und dpa

Von Anja Reich & dpa

Mi, 13. November 2019

Ausland

Nächtlicher Luftangriff im Gazastreifen / Palästinenser reagieren mit massivem Raketenbeschuss.

TEL AVIV/GAZA. Israel hat einen Militärchef der Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad bei einem nächtlichen Luftangriff im Gazastreifen gezielt getötet. Militante Palästinenser reagierten auf den Tod von Baha Abu Al Ata und dessen Ehefrau am Dienstag mit massiven Raketenangriffen auf israelische Gebiete. Auch in Tel Aviv heulten mehrfach die Sirenen, Explosionen waren zu hören. Die Eskalation löste international Besorgnis aus.

Über Baha Abu Al Ata ist nicht viel bekannt. Der Anführer des "Islamischen Dschihad in Palästina" galt als pressescheu. Die Zeitung Haaretz schreibt, er habe hunderte Kämpfer kommandiert und mehrere Raketenstützpunkte vor allem im Norden von Gaza kontrolliert. Das israelische Militär sagt, viele Raketenangriffe auf Israel der letzten Wochen und Monate seien auf seinen Befehl zurückgegangen, er habe Terroreinheiten für das Eindringen nach Israel trainiert. Der Islamische Dschihad bezeichnet Al Ata als "Kämpfer für die palästinensische Sache".

Am Dienstagmorgen gegen 4.30 Uhr wurde Al Ata bei einem Luftangriff im Gazastreifen getötet. Auch seine Frau kam dabei ums Leben. Nach Angaben des Sprechers der israelischen Armee handelte es sich um eine gezielte Aktion mit dem Inlandsgeheimdienst Schin Bet. Fast zur gleichen Zeit wurde in Damaskus das Haus eines anderen Dschihad-Führers, Akram Al-Adschuri, von der israelischen Luftwaffe angegriffen. Dabei kamen nach Angaben syrischer Medien zwei Menschen ums Leben, darunter der Sohn Al-Adschuris.

Der Islamische Dschihad, eine von Iran gesteuerte militante Terrororganisation, die das Existenzrecht von Israel ablehnt, rächte sich mit massiven Raketenangriffen. An den Grenzen zum Gazastreifen, aber auch in Tel Aviv, heulten am Dienstagmorgen und den gesamten Vormittag über die Sirenen. Schulen blieben geschlossen, Menschen wurden davor gewarnt, das Haus zu verlassen und aufgefordert, in Bunkern Schutz zu suchen. Einige der mehr als hundert Raketen wurden vom Abwehrsystem "Eisenkuppel" abgefangen, andere schlugen ein, mehrere Menschen wurden leicht verletzt.

Die Entscheidung über das Mordkommando sei bereits vor zehn Tagen gefallen, erklärte Ex-Armeegeneral Giora Eiland gegenüber ausländischen Korrespondenten. Seitdem habe man auf einen günstigen Moment gewartet. "Al Ata sollte nichts ahnen und sich möglichst alleine aufhalten." Am Montagnachmittag habe der Geheimdienst grünes Licht gegeben. Auf die Raketenangriffe sei man vorbereitet gewesen, auch darauf, dass die Hamas, die den Gazastreifen regiert, sich zunächst nicht an den Angriffen auf Israel beteiligte. "Wir haben die Hamas gewarnt. Falls es doch dazu kommt, ist mit einer weiteren Eskalation zu rechnen", sagte General Eiland.

Noch während die Raketen niedergingen, brach in Israel ein Streit darüber aus, ob der Zeitpunkt der Geheimdienstaktion Zufall sei oder möglicherweise politische Interessen dahinter steckten. Das Land befindet sich derzeit in einer schwierigen Situation. Nach zwei Neuwahlen innerhalb von sechs Monaten ist es bisher keiner Partei gelungen, eine Regierung zu bilden. Vor zwei Tagen hatte der noch regierende Premierminister Benjamin Netanjahu Naftali Bennett von der rechten Partei Hejamin Hachadasch überraschend zum Verteidigungsminister ernannt. Die Tötungsaktion im Gazastreifen war Netanjahus letzter Akt als Verteidigungsminister, bevor Bennett am Mittwoch übernimmt. Netanjahu nannte Baha Abu Al Ata am Dienstag einen "Erz-Terroristen", eine "Zeitbombe" und den "Hauptinitiator von Terrorattacken".

Die Bundesregierung verurteilte den Beschuss Israels "aufs Schärfste". Es gebe keine Rechtfertigung für Gewalt gegen unschuldige Zivilisten, hieß es aus dem Auswärtigen Amt. "Vermittlungsbemühungen Ägyptens und der Vereinten Nationen unterstützen wir ausdrücklich."