Jazz und Protest als Freiheitsstatement

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Di, 24. September 2019

Offenburg

Konzert und Ausstellung in Resten des einstigen Offenburger Bahnausbesserungswerks zur Erinnerung an einen historischen Abriss.

OFFENBURG. Die "Location" könnte nicht malerischer sein für ein Jazzkonzert. Im ehemaligen Blechlager, einem der wenigen Überbleibsel des vor 15 Jahren abgerissenen Eisenbahn-Ausbesserungswerks in Offenburg, lockte ein Jazzquartett in hochkarätiger Besetzung rund 200 Zuhörer an.

Der zumindest in der ersten Hälfte des zweieinhalbstündigen Konzerts durchaus störenden Plauderkulisse nach zu schließen, war ein Gutteil des Publikums aber weniger dem zeitgenössischen Jazz zugetan, sondern wollten zusammen mit Organisator Walter Bitzer an den letztlich erfolglosen Protest gegen den Abriss des "besterhaltenen Industrie-Ensembles aus der Gründerzeit mit hervorragender Bausubstanz" erinnern. Der Inhaber des "Oleofactum"-Fachgeschäfts spart wie immer nicht mit großen Worten. "Hier ist nicht die institutionalisierte, brave, angepasste Kultur, sondern Subkultur. Struve und Hecker wären hier in unserer Gemeinschaft und nicht im Rathaus", sagt er in seinem Statement zu Beginn des Konzerts. Von der Eisenbahnverbindung als Grundvoraussetzung für die badische Revolution zieht er eine direkte Linie zum zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen den Abriss des Ausbesserungswerks "des schnöden Mammons wegen". Schriftlich habe er vorliegen, dass die Stadt den Burda-Verlag geradezu dazu gedrängt habe, das Gelände zu übernehmen. "Die Hallen wurden dem Zeitgeist geopfert", heißt es auf einer der Tafeln, die das lange Fotoband unterbrechen, das die Wände der von Bitzer seit drei Jahren als Materiallager genutzten Halle ziert. Die Bilder – allesamt aus Bitzers Computerfundus und zum großen Teil nicht mehr einem Fotografen zuzuordnen – dokumentieren das Ausbesserungswerk und die Aktionen gegen den Abriss.

Das also war der Anlass für ein Konzert, das auch im mit guten Jazz-Konzerten bestens versorgten Offenburg als herausragend bezeichnet werden kann. Der in Offenburg lebende Schlagzeuger, Perkussionist und Komponist Daniel Prätzlich hatte dazu den Bassisten Henning Sieverts, den Saxophonisten Alexander Beierbach und den Pianisten Peter Fulda eingeladen – allesamt renommiert und ebenfalls kompositorisch tätig. Sie kennen sich aus verschiedenen Projekten, spielten aber erstmals zusammen, und zwar ausschließlich Eigenkompositionen ganz unterschiedlichen Charakters.

Alle vier Musiker haben eine starke Handschrift

Zu Beginn merkt das Publikum noch gar nicht, dass die Band schon angefangen hat. Fulda zupft die Saiten des Flügels, ein paar Klopfer auf das Schlagzeug, ein paar schräge Töne aus dem Saxophon. Nach und nach fügt sich alles zusammen zu einem rhythmischen Pattern, der erst durchgereicht wird und am Ende unisono erklingt. Alle vier Instrumentalisten agieren gleichberechtigt, alle haben eine starke Handschrift, doch nie verliert sich das Quartett in ermüdende Improvisationssoli-Reihungen. Titel wie "Unhappy Harpyie" oder "Will Till Still Kill Bill" zeugen von sprachlichem Esprit, dessen musikalisches Pendant das Publikum in seinen Bann zieht. Mit dem bluesigen "Freight Train" schließt sich der Kreis zu Anlass und Ort des Geschehens. Großer Applaus.