Corona in aller Welt

Je niedriger die Impfquote, desto größer die Befürchtungen

no, gü, AFP, dpa, Lill

Von Peter Nonnenmacher, Inge Günther, AFP, dpa & Felix Lill

Mi, 08. September 2021 um 19:58 Uhr

Ausland

Weltweit steigen die Corona-Infektionszahlen wieder an. Wir haben zusammengestellt, wie Großbritannien, Israel, Österreich, die USA und Japan damit umgehen.

Großbritannien

Seit 19. Juli sind in Großbritannien praktisch alle Covid-Restriktionen aufgehoben. Seit 16. August braucht man sich nicht mehr abzusondern, wenn man in Kontakt mit infizierten Personen war. Das Tragen von Masken ist nur noch vereinzelt, wie in öffentlichen Verkehrsmitteln, vorgeschrieben. In der zweiten Augusthälfte hat sich die Zahl der täglich gemeldeten positiven Tests bei 30.000 eingependelt. Die wirkliche Zahl soll wesentlich höher sein. Dennoch hält sich die tägliche Einlieferung von Covid-Patienten mit durchschnittlich 900 bisher in Grenzen. Im Januar waren es 4500. Das hängt mit dem Impferfolg zusammen. Inzwischen sind fast 80 Prozent aller Erwachsenen "voll" geimpft. Einigermaßen bang erwartet man nun die jetzt beginnende Rückkehr an die Arbeitsplätze, in die Schulen und Hochschulen – und generell in Innenräume. Bisher sträubt sich die Regierung gegen neue Restriktionen. Skeptische Wissenschaftler wie Schottlands oberster Klinikdirektor, Professor Jason Leitch, haben aber "die Befürchtung" geäußert, dass es erneut zu einem "plötzlichen, akuten Anstieg" aller Zahlen kommen könnte, "wie wir das früher schon erlebt haben".

Israel

Vor dem Jerusalemer Rathaus wird wie vielerorts in Israel bis in die Abendstunden im Akkord geimpft. 60 Prozent der Bevölkerung sind schon doppelt geimpft. Die dritte Booster-Impfung gegen Covid-19, inzwischen freigegeben für alle ab zwölf Jahren, haben bereits zwei Millionen Israelis erhalten. Trotzdem wurde Anfang der Woche eine Rekordzahl von fast 11.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden registriert. Die Vergleichszahlen in Deutschland, das neunmal mehr Einwohner hat, liegen nur unwesentlich höher. Dennoch scheint sich in israelischen Krankenhäusern die Lage zu stabilisieren. Dort liegen derzeit über 700 ernsthaft an der Delta-Variante Erkrankte, künstlich beatmet werden 170 Patienten. Die Hälfte von ihnen sind Ungeimpfte über zwölf Jahren, obwohl sie nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Für das israelische Gesundheitsministerium ist das ein Indiz, dass das Vakzin wirkt. Mit Schuljahresbeginn könnte die Infektionskurve rasant steigen. Schnelltests für Kinder sollen das verhindern. Das Corona-Kabinett erwägt auch, von Lehrern und öffentlichen Angestellten einen "Green Pass" zum Nachweis einer Immunisierung zu verlangen.

Österreich

Angesichts einer vierten Corona-Welle wird in Österreich das Leben für Menschen, die nicht gegen Corona geimpft oder von einer Erkrankung genesen sind, deutlich unbequemer. Die Regierung hat am Mittwoch angesichts der steigenden Zahl der Neuinfektionen einen Stufenplan beschlossen, der bei starker Belastung der Kliniken den Zugang zu Veranstaltungen und in Gaststätten nur noch mit PCR-Tests oder Impfung ermöglicht. In einer ersten Phase ab 15. September müssen ungeimpfte Menschen unter anderem beim Einkaufen wieder eine FFP2-Maske tragen, für Geimpfte gilt eine dringende Empfehlung. Außerdem wird die Gültigkeitsdauer von Corona-Antigentests von 48 auf 24 Stunden verringert. "Die Impfung ist die Antwort und nicht der Lockdown", beschrieb Kanzler Sebastian Kurz den Kurs. Vorbild sei Dänemark, wo es dank einer Impfrate von 86 Prozent keinerlei Einschränkungen mehr gebe. Die Regeln sollen unter anderem den für Österreich so wichtigen Wintertourismus vor Schaden bewahren. Binnen 24 Stunden wurden am Mittwoch in Österreich mit seinen neun Millionen Einwohnern 2268 Infektionen gezählt. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag bei 130. Auch müssen immer mehr Patienten in den Kliniken betreut werden.

USA

Angesichts stark gestiegener Infektionszahlen will US-Präsident Joe Biden neue Maßnahmen gegen die Pandemie ergreifen. Biden werde seine "Sechs-Punkte-Strategie" an diesem Donnerstag vorstellen, sagte ein Vertreter des Weißen Hauses am Dienstag. Es gehe darum, die Ausbreitung der Delta-Variante zu stoppen und die Zahl der Impfungen zu steigern.

Die Infektionszahlen in den USA waren in den ersten Amtsmonaten des seit Januar regierenden Biden stark zurückgegangen. Grund waren insbesondere rasche Fortschritte bei der landesweiten Impfkampagne. In den vergangenen Wochen stieg die Zahl der Ansteckungen aber wieder dramatisch an. Derzeit werden täglich im Durchschnitt mehr als 150 000 Neuinfektionen und mehr als 1000 Todesfälle verzeichnet. Inzwischen überschritt die Zahl aller Infektionen seit Beginn der Pandemie die Marke von 40 Millionen. Experten führen als Gründe die Ausbreitung der Delta-Variante, die große Zahl von Impfskeptikern und die Abkehr von Schutzmaßnahmen wie Maskentragen an. Stark betroffen sind konservativ regierte Staaten im Süden wie Florida, Texas, Mississippi und Alabama.

Japan

Die Pandemie grassiert in Japan so stark wie noch nie. Seit Wochen berichten die Ämter von neuen Rekordzahlen. Vor zwei Wochen wurden in Japan erstmals mehr als 25.000 Neuinfektionen an einem Tag registriert. Auch die Zahl von Intensivpatienten steigt. Ende August lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 127,7 und damit fünfmal so hoch wie einen Monat zuvor.

Zwar ist Japan mit 1,5 Millionen Infektions- und 16.000 Todesfällen – bei 126 Millionen Menschen – noch relativ glimpflich betroffen. Angesichts einer stark verspäteten Impfkampagne und weit verbreiteter Skepsis gegenüber Vakzinen sind aber nur 45 Prozent der Menschen vollständig geimpft. Im Land mit einer schnell alternden Bevölkerung kommt ein akuter Mangel an Intensivbetten hinzu.

Anfang August verkündete Premierminister Yoshihide durch die Blume den Kollaps des Gesundheitssystems: Nur noch Personen mit schweren Symptomen werden in Kliniken aufgenommen. Ansonsten setzt man auf das Medikament Ronapreve des Herstellers Roche, das seit kurzem für Patienten mit milden und mittelstarken Symptomen zugelassen ist. Ebenfalls im August verkündete die Regierung, dass der bis dato vor allem für den Großraum Tokio geltende Ausnahmezustand auf weitere Präfekturen ausgeweitet und bis Mitte September verlängert würde. Damit werden die Menschen zum Daheimbleiben aufgerufen.

Bis auf eine kurze Ausnahme verharrt Tokio seit Frühjahr in so einem Ausnahmezustand. "Wir haben rechtliche Beschränkungen, verpflichtende Maßnahmen zu erlassen", bemängelte Tokios Gouverneurin Yuriko Koike Ende Juli. Die Verfassung schütze aber persönliche Rechte besonders stark, sodass ein strikter Lockdown nicht rechtens sei. "Wir können die Menschen nur bitten."