Jenseits des Kölner Doms

Mona Contzen

Von Mona Contzen (dpa)

Mo, 16. November 2020

Panorama

Die vor 75 Jahren gegründete Unesco schützt auch in Deutschland Stätten des Welterbes – doch viele davon sind kaum bekannt.

. Die legendäre Inka-Stadt Machu Picchu, die Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha, das indische Taj Mahal: Weltweit gibt es 1121 Unesco-Welterbestätten in 167 Ländern und es werden jedes Jahr mehr. In Deutschland tragen 46 Stätten das begehrte Logo – doch viele davon sind einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. An diesem Montag feiert die UN-Kulturorganisation den 75. Geburtstag.

Allein in Deutschland hat die Unesco bisher 46 künstlerische Meisterwerke, einzigartige Naturlandschaften und bedeutende Zeugnisse vergangener Kulturen unter Schutz gestellt. Das Siegel sei zwar ein "Qualitätsmerkmal", sagt Claudia Schwarz, Vorsitzende des Vereins Unesco-Welterbestätten Deutschland, doch es gelinge eben nicht jeder Stätte, nach dem Rummel um die Titelverleihung das Interesse auch aufrechtzuerhalten – und in Besucherzahlen umzusetzen. So lautete das ernüchternde Ergebnis einer Tourismusstudie vor einigen Jahren: Der Kölner Dom ist weithin bekannt. Um den besonderen Status vieler Sehenswürdigkeiten vor ihrer Haustür allerdings wissen die Deutschen gar nicht. Hier sind daher vier Welterbestätten, von denen man vielleicht noch nie gehört hat.



Fagus-Werk Alfeld
Jede Menge Glas und Stahl lassen das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld jünger aussehen als es ist. Dabei werden in der alten Fabrik seit mehr als 100 Jahren Schuhleisten produziert. Die Anlage von 1911 gilt als Ursprungsbau der modernen Industriearchitektur und ist das Erstlingswerk des Bauhaus-Gründers Walter Gropius. 2011 würdigte das Unesco-Welterbekomitee die außergewöhnliche, schwerelose Eleganz des Gebäudes und setzte das Fagus-Werk auf die Weltkulturerbeliste. Doch hier kommen nicht nur Architekturfans auf ihre Kosten: Führungen auf dem Außengelände und die Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus geben interessante Einblicke in die Industriegeschichte. Und wer ein Faible für Schuhe hat, kann im Modellkeller gleich 30 000 Originalmodelle bewundern.

Deutschlands alte Buchenwälder
Ohne den Einfluss des Menschen wäre Deutschland zu zwei Dritteln mit Buchenwäldern bedeckt, doch die einzigartigen Waldökosysteme schwinden. Wo man heute noch unberührte Laubwälder findet, verrät die Welterbeliste der Unesco: Seit 2011 stehen fünf Buchenwaldgebiete in den Nationalparks Jasmund, Müritz, Hainich und Kellerwald-Edersee sowie im Unesco-Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin mit anderen europäischen Regionen unter Schutz.

Erkunden kann man die Wälder etwa mit der kostenlosen Weltnaturerbe-App, die den Besucher auf ausgewählten Routen durch die so unterschiedlichen Schutzgebiete lotst. Während die Buchen auf Rügen vom Kreidefelsen ins Meer zu stürzen scheinen, neigen sie sich an der Müritz über das Moor. In der Schorfheide in Brandenburg spiegeln sich die Stämme in klaren Seen, im hessischen Kellerwald drücken sich knorrige Baumgestalten an karge Hänge. Und im thüringischen Hainich ragen die mächtigen Bäume im Frühling aus einem Blütenmeer heraus.

Muskauer Park
Gartenkunst, Naturmalerei, Welterbe: Das Meisterwerk von Hermann Fürst von Pückler-Muskau im sächsischen Bad Muskau trägt viele Attribute. Der Muskauer Park, der 2004 als außergewöhnliches Beispiel eines europäischen Landschaftsparks sowie einer künstlerischen Ideallandschaft auf deutsch-polnischen Antrag in die Unesco-Liste aufgenommen wurde, gleicht einem lebendigen Gemälde. Mit den Stilmitteln der Landschaftsmalerei stimmte der Fürst Vorder- und Hintergrund aufeinander ab, die weitläufigen Parkräume gehen in die umgebende Landschaft über, Wege eröffnen immer wieder neue Perspektiven. Der 1815 angelegte Garten mit einem 50 Kilometer langen Wegenetz lässt sich prima per Fahrrad erkunden. Wer den exzentrischen Fürsten und seine "Parkomanie" kennenlernen möchte, kann die Dauerausstellung im Neuen Schloss besuchen.

Siedlungen der Berliner Moderne
Die Museumsinsel gehört bei einem Berlin-Besuch zum Pflichtprogramm. Auch die Schlösser und Gärten von Potsdam und Berlin stehen bei vielen Touristen hoch im Kurs. Angesichts dieser Konkurrenz tut sich die dritte Welterbestätte der Hauptstadt etwas schwerer. Dabei wurden die sechs Siedlungen der Berliner Moderne, die zwischen 1913 und 1934 als Gegenentwurf zum Mietskasernenelend der Arbeiterfamilien entstanden, zum Vorbild für das ganze 20. Jahrhundert – und sind heute noch beliebte Wohnquartiere. Besonders schön ist ein Spaziergang durch die Gartenstadt Falkenberg im Bezirk Treptow-Köpenick. Die sogenannte Tuschkastensiedlung des Architekten Bruno Taut zieht mit bunten Fassaden und geometrischen Formen Blicke an. Info-Stationen gibt es in der Großsiedlung Siemensstadt und in der Hufeisensiedlung, außerdem werden in allen sechs Siedlungen Führungen angeboten.