Sachbuch

Johannes Fried glaubt nicht an Jesu Tod am Kreuz

Christine Adam

Von Christine Adam

Fr, 15. Februar 2019 um 19:58 Uhr

Literatur & Vorträge

"Kein Tod auf Golgatha" – der Historiker Johannes Fried meint im gleichnamigen Sachbuch nachweisen zu können, dass Jesus die Kreuzigung überlebt hat.

"Er starb nicht am Kreuz." Jesus hat die Kreuzigung überlebt. Diese frohe Botschaft will jedenfalls Johannes Fried überbringen. Der Lanzenstich eines römischen Kriegsknechtes habe den historischen Jesus von Nazareth gerettet. Fried, der international renommierte Experte für die Geschichte des Mittelalters, hat im Johannes-Evangelium gelesen. Er hat sich bei den Medizinern umgetan, fleißig exzerpiert. Und er meint, die Spuren des überlebenden Jesus bis zum Ursprung des Islam verfolgen zu können.

Die Führung des Römischen Kaiserreiches bediente sich der Kreuzigung, um Gegner mit einer äußerst qualvollen Hinrichtung zu töten – nach vorausgegangener Folter konnte es mehrere Tage bis zum schmachvollen Tod des nackt am Kreuz hängenden Opfers dauern. Fried aber diagnostiziert: Jesus habe durch die Geißelung Verletzungen des Brustkorbs erlitten, die ihn in eine Ohnmacht, in eine Kohlendioxid-Narkose versetzten. In einen Scheintod.

Per Lanzenstich überprüfte der römische Soldat ganz offiziell das Ableben des Gekreuzigten. Dabei, so das ärztliche Bulletin des Historikers, habe der Kriegsknecht rein zufällig genau die richtige Stelle punktiert, wo sich Blut und Wasser gesammelt hätten. Das Sekret konnte, so meint Fried, abfließen, Jesus, wenn auch schwach, weiteratmen.

Gewiss, dass Blut und Wasser dem Speerstich folgten, steht im Bibeltext. Von einem Stich an die Seite ist da die Rede. Vielleicht hat der emeritierte Frankfurter Professor sich von bildlichen Darstellungen inspirieren lassen: Die Wunden des Gekreuzigten wurden seit dem Mittelalter als Zeichen des Martyriums Christi verehrt, die Stichwunde häufig in Lungenhöhe lokalisiert.

Das Johannes-Evangelium entstand wahrscheinlich gegen Ende des ersten Jahrhunderts. Damals bestritt eine Glaubensrichtung, dass der Gottessohn als Mensch unter Menschen gelebt habe. Materie war für diese sogenannten Doketisten negativ besetzt. Deshalb sei Jesus in einem Scheinleib aufgetreten. Der Evangeliumstext ("Siehe, der Mensch!") argumentiert dagegen, indem er an den Gekreuzigten wie in einem Film heranzoomt, ihn etwa als vom Essig Trinkenden zeigt. Mit dem Lanzenstich des Soldaten und mit den Körperflüssigkeiten soll bewiesen werden, dass auch wirklich ein Mensch starb.

Fried aber kümmert das alles nicht, er bezeichnet das Evangelium ausdrücklich als Augenzeugenbericht, qualifiziert diesen mehrfach mit dem Adjektiv "präzise" zum historischen Dokument. Zum Passionsbericht gab es wohl eine ältere Vorlage. Keineswegs aber handelt es sich dabei um ein aufgeschriebenes Selfie mit dem leidenden Jesus. Doch ausgerechnet auf der Zeugenaussage im Rapport über die Kreuzigung gründet das brüchige Thesengebäude des Autors.

Die Person des Zeugen hat Fried eindeutig identifiziert: Es sei fraglos der "Donnersohn", der Apostel Johannes. Hinweise auf einen Jünger als Berichterstatter sind zwar im Johannes-Evangelium gezielt eingeflochten. Sie erinnern freilich mehr an die formelhaften Nennungen eines fiktionalen Verfassers, wie man sie aus einfachen Erzählformen kennt.

Bibeltexte sind Literatur, Ergebnis von Diskursen über den Gegenstand der Verkündigung und von redaktioneller Bearbeitung. Blut und Wasser sind Sprachbilder aus der Welt der Antike. Es geht um die Botschaft. Der Pfarrerssohn Fried fragt jedoch nicht nach theologischem Sinngehalt. Er nimmt den Text wörtlich, wie es in fundamentalistischen, eine historisch-kritische Bibelforschung ablehnenden Kreisen üblich ist. Diesen Rollback mag man dem 76-jährigen Mediävisten, der mit "Karl der Große" eine vielgelobte Biographie vorgelegt hat, nicht wirklich abnehmen. Mit seiner die Neurowissenschaften einbeziehenden historischen Memorik – der Begriff stammt von Fried selbst – möchte er zwischen Erinnerung an Vergangenes und tatsächlichem historischen Geschehen unterscheiden.

Ein weiterer Fried’scher Trick: die Datierung seiner Quelle. Allgemein gilt das Evangelium nach Johannes als das jüngste der vier Evangelien. Das verneint Fried, indem er neuere Forschungsmeinungen kanonisiert. Sie führen alle biblischen Evangelien auf ein Urevangelium zurück, das einem reichen Reeder und Kaufmann namens Marcion, der seine eigene Kirche gründete, vorgelegen habe. Historizität wird noch weiter konstruiert, indem der Augenzeugenbericht des Jüngers Johannes unmittelbar in eine Frühfassung des "Jüdischen Kriegs" von Flavius Josephus eingeflossen sein soll. Es ist eine so seltsame wie problematische Mischung aus Wissenschaftlichkeit und Suggestion, die Fried in seinem Buch bietet. Zwar beginnt er seine Argumentation stets im Konjunktiv, um die Spekulationen dann doch als Fakten zu referieren.

Wie dem auch sei: Jesus ist also aufgestanden, nicht auferstanden, flüchtete als untergetauchter Emigrant ins Exil, während Paulus, mit dem Fried anscheinend eine Rechnung offen hat ("Wundersucht"), seine Christologie entwickelte. Schwer erträglich wird es, wenn Fried über Psychisches räsoniert: "Sein wunderbares Überleben musste ihm wie eine göttliche Bestätigung seiner eigenen Sendung gelten."

Fried findet Spuren vom Überlebenden im nicht-römischen Ostsyrien und in Ägypten, diverse monotheistische Häresien dienen als Belege. Und im Koran, gipfelnd in der Frage, ob "der Islam gar eine späte Folge des Überlebens" Jesu sei. Über Gegenpositionen wird man kaum informiert, notwendige Quellenkritik der interessengeleitet ausgewählten Sekundärliteratur überlassen. Womöglich wäre ein Jesus-Roman das passendere Unterfangen gewesen. Man wundert sich, dass der seriöse Beck Verlag dieses abstruse Buch in sein Programm aufgenommen hat.

Johannes Fried: Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus. C. H. Beck, München 2019. 189 Seiten, 19,95 Euro.