Südliche Ortenau

Jürgen Stude zum Anschlag in Halle: "Die liberale Gesellschaft ist in Gefahr"

Erika Sieberts

Von Erika Sieberts

Do, 10. Oktober 2019 um 19:10 Uhr

Ettenheim

Reaktionen aus der Ortenau auf den Anschlag auf eine Synagoge in Halle. Die Polizei hat ihre Schutzmaßnahmen verstärkt.

Ein mutmaßlich rechtsextremer Angreifer hat am Mittwoch versucht, einen Anschlag auf die Synagoge in Halle zu verüben. Dabei sind zwei Menschen getötet und weitere verletzt worden. Die Badische Zeitung hat unter anderem mit Menschen jüdischen Glaubens aus der Region über ihre Gefühle, Sorgen und Ängste gesprochen.

Jürgen Stude, Vorsitzender des Fördervereins Ehemalige Synagoge Kippenheim, sagte am Donnerstag: "Der Vorgang hat mich erschüttert. Ich verstehe nicht, dass die Synagoge in Halle an Jom Kippur (der Versöhnungstag ist der höchste jüdische Feiertag/Anmerkung der Redaktion) nicht bewacht war." Aus seiner Sicht müsse sich der Förderverein stärker gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus positionieren. "Die liberale Gesellschaft in Deutschland ist in Gefahr", so Stude. "Bei unseren Veranstaltungen beobachten auch wir rechtspopulistische Tendenzen beim Publikum."

Die Polizei hat Kulturstätten besonders im Blick

Bislang fühle man sich aber von der Polizei geschützt, die schon vor dem Anschlag in Halle das Haus in Kippenheim und auch den Friedhof in Schmieheim wie auch andere Kulturstätten nicht nur bei Veranstaltungen besonders im Blick hatte, wie Polizeisprecher Wolfgang Kramer auf BZ-Anfrage mitteilte. Nach dem Anschlag sind die Schutzmaßnahmen an den jüdischen Gedenkstätten und Einrichtungen im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Offenburg intensiviert worden.

Markus Vögele, Vorsitzender des Fördervereins zur Erhaltung der ehemaligen Synagoge heute Kunsthalle Altdorf, meinte auch, dass der Verein mehr Aufklärung bieten sollte. "Im Programm haben wir am 27. Januar einen Vortrag des Ex-Neonazis, Manuel Bauer, der im Städtischen Gymnasium Ettenheim sprechen wird, um den Jugendlichen die Mechanismen klar zu machen, wie man in die Fänge von Neonazis geraten kann", kündigte er an.

Simone Schermann, DIA-Vorsitzende und Jüdin, sagte im Gespräch mit der BZ: "Der Anschlag von Halle ist ganz, ganz schrecklich und hat alle hier verstört. Damit bestätigt sich, was uns Juden alle umtreibt: Für uns gibt es nur einen Zufluchtsort, und das ist Israel."

Bedürfnis, sich als Jude nicht erkennbar zu machen, wächst

Lisa Klevit-Ziegler ist Jüdin und wohnt in Lahr. Sie sieht den Anschlag in einem größeren Kontext. "Natürlich bin ich betroffen, das wäre ich aber ebenso, wenn der versuchte Anschlag einer Moschee oder einer Schule gegolten hätte. Das gehört zusammen." Wo man hinschaue, sehe man heutzutage Hass und Intoleranz. Das sei es, was sie erschrecke.

Bei der Nachfrage der BZ bei weiteren jüdischen Familien wird deutlich, dass große Befangenheit herrscht, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Sie wollen nicht mit Namen in der Zeitung stehen. Über die Verwunderung der Öffentlichkeit über den Vorfall in Halle könne man sich jedoch ebenfalls nur wundern, sagt das Mitglied einer Familie, die in Lahr lebt. Man sei leider schon lange gewohnt, dass Synagogen aus Sicherheitsgründen abgeschlossen werden müssen.

In den vergangenen Jahren sei das Bedürfnis noch stärker gewachsen, sich als Menschen jüdischen Glaubens öffentlich nicht erkennbar zu machen. "Die Unbefangenheit schwindet, die vor einigen Jahren noch stärker vorhanden war." Bedrängt fühlt sich die Familie sowohl von politisch rechter wie von linker Seite. Die rechte kritisiere eher das Jüdischsein, die linke vor allem den Staat Israel. Am Ende komme aber dasselbe dabei heraus: "Israel, beziehungsweise der Jude ist schuld."