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Italien

Bei Pisa dient ein Telefon dem Kontakt mit Verstorbenen

Julius Müller-Meiningen
  • Fr, 14. Juni 2024, 18:44 Uhr
    Panorama

     

Dieser Ort ist ein spiritueller Ort. Im italienischen Casale Tegolaia steht in einer weißen Kabine ein Windtelefon. Die Menschen nutzen es, um Kontakt aufzunehmen mit jenen, die nicht mehr da sind.

Kein Anschluss – oder etwa doch?  | Foto: master1305 (Stock.Adobe)
Kein Anschluss – oder etwa doch? Foto: master1305 (Stock.Adobe)
Drei Seiten werden von Glasfenstern umschlossen, oben drauf sitzt ein flaches Dach. Eine Tür gibt es nicht, man betritt die Kabine einfach und kann dann einen Telefonhörer abnehmen. Am anderen Ende wird allerdings niemand antworten – oder vielleicht doch?

Die Kabine im Gebiet des Weilers Santo Pietro Belvedere, einem wunderschönen Flecken in der Toskana, ist ein Windtelefon und funktioniert weder per Funk noch hat es einen Draht. Dieser ist gewissermaßen vom Anrufer selbst herzustellen.

Das Windtelefon von Pisa ist ein spiritueller Ort. Menschen sollen hier die Möglichkeit haben, mit anderen Menschen, die nicht mehr auf dieser Welt sind, in Kontakt zu treten. Oder um Unausgesprochenes endlich formulieren zu können. Sorgen sollen hier losgelassen, Gebete, Hoffnungen geäußert werden. Etwas banaler formuliert: Das toskanische Windtelefon ist auch ein Ort der Selbsttherapie.

Aufgestellt hat es der Fotograf und Künstler Marco Vanni zur Wintersonnenwende am 21. Dezember. Es sei gar nicht schlecht, auch ein bisschen mit sich selbst zu reden und dem Wind die eigenen Worte anvertrauen, sagte er gegenüber der Zeitung La Repubblica.

In Italien gibt es auch an anderen Orten bereits Windtelefone. Die Idee stammt aus Japan und fußt auf der dortigen buddhistischen Kultur, in der das Gespräch mit Verstorbenen gepflegt wird. 2010 stellte Sasaki Itaru in seinem Garten in Otsuchi ein solches Telefonhäuschen auf, um mit seinem verstorbenen Vater in Kontakt zu bleiben. Nach dem großen Erdbeben 2011 suchten immer mehr Angehörige von Opfern die Telefonzelle auf. Das Windtelefon wurde in Japan zum Massenphänomen. Nun hat nicht jeder die Möglichkeit, einen Abstecher nach Santo Pietro Belvedere oder nach Otsuchi zu machen. Doch man könnte zum Beispiel eine ähnliche Kabine im eigenen Garten nachbauen. Oder man sagt seinen Lieben schon zu Lebzeiten alles Wichtige.

Ressort: Panorama

  • Artikel im Layout der gedruckten BZ vom Mo, 08. Januar 2024: PDF-Version herunterladen

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