"Kinder sind die Leser von morgen"

bex

Von bex

Fr, 28. November 2014

Neues für Kinder

ZISCH-INTERVIEW mit BZ-Verleger und -Geschäftsführer Wolfgang Poppen darüber, warum Schule ein Projekt wie Zisch braucht.

Seit zehn Jahren macht die Badische Zeitung in ihrem Verbreitungsgebiet Schule. Initiator des Zisch-Projektes war Wolfgang Poppen, Verleger und Geschäftsführer der BZ: Er hatte Anfang der 2000er-Jahre die Idee, die Zeitung mittels eines fest installierten Projektes an die Schulen zu bringen. Im Gespräch mit den Zisch-Redakteurinnen Stephanie Streif und Sonja Zellmann hält Poppen Rückschau – und zeigt sich selbst darüber überrascht, wie dynamisch sich Zisch entwickelt hat.

Zisch: Herr Poppen, Zisch war Ihre Idee. Wie sind Sie drauf gekommen?

Poppen: Es gab zwei Impulse. Einmal die Pisa-Studie, die damals, also im Jahr 2000, aufgezeigt hat, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich beim Lesen erhebliche Defizite haben. Zum Zweiten wurde damals auch innerhalb des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger viel darüber nachgedacht, wie man Schülern die Zeitung näher bringen könnte. Einige Verlage hatten zu diesem Zeitpunkt bereits Schülerprojekte installiert.


Zisch: Und wie hat man im Verlag, wie in der Redaktion auf Ihre Idee reagiert?

Poppen: Wer neue Ideen einbringt, wird erst einmal kritisch hinterfragt. Das war damals auch so. Weder die Redaktion noch die Lehrer konnten sich vorstellen, was Viertklässler über Wochen mit der Zeitung anfangen sollten. Auch mein Vorschlag, dass unsere Azubis die Klassenführungen durch die Druckerei übernehmen sollen, kam erst einmal nicht gut an. Das können die doch nicht, hieß es damals. Aber es hat sich herausgestellt, dass die Azubis, die ja altersmäßig sehr viel dichter an den Kindern dran sind, das sehr wohl können. Und mit Freude dabei sind. Manche Kinder schreiben ihnen sogar Dankeschön-Briefchen mit Herzchen.

Zisch: Und wie ging es dann weiter?

Poppen: Nachdem all das ausgehandelt war, nahm die Begeisterung für Zisch schnell zu. Auch in der Redaktion. Mit den Jahren wurde das Projekt immer größer, vielseitiger – die Redakteure übernahmen die Klassenbesuche, für die Lehrer wurden Vorbereitungsseminare organisiert und die Pädagogische Hochschule entwickelte jede Menge Materialien zu Zisch, zum Beispiel wie Lehrer das Zeitungsprojekt auch in ihre Benotung mit einfließen lassen können. Schließlich sollen Kinder, so steht es jedenfalls im baden-württembergischen Bildungsplan, auch im Umgang mit Printmedien geschult werden. Zisch hat eine sehr erfreuliche Eigendynamik entwickelt. Auch auf der Seite der Sponsoren: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die alte Frau Kaiser vom gleichnamigen Freiburger Modehaus mit den Schülern ein Schaufenster dekoriert hat. Und heue noch lädt der Bäcker Heitzmann Kinder zum gemeinsamen Backen in die Backstube ein.

Zisch: Hatten Sie eine Vision von Zisch?

Poppen: Kinder sind die Leser von morgen. Doch anders als früher sind sie heute von vielen Medien umgeben. Und in diesem Medienvielerlei darf die Zeitung nicht vergessen werden. Sie ist ein wichtiges Instrument innerhalb unseres demokratischen Systems und hat als solches klar definierte Aufgaben. Außerdem sollen auch Kinder, deren Eltern keine Zeitungsleser sind, das Medium erfahren können. Manchmal ist es so, dass die Eltern über ihre Kinder die Zeitung tatsächlich erst kennen – und schätzen – lernen, denn in den Ferien und am Wochenende bekommen die Zisch-Kinder ihr Zeitungsexemplar ja nach Hause zugestellt.

Zisch: Warum braucht Schule Ihrer Meinung nach ein Projekt wie Zisch?

Poppen: Kinder sollten lernen, Medien nach Glaubwürdigkeit einzusortieren. Sie sollten verstehen, warum Meinungsfreiheit wichtig ist und eine Gesellschaft eine freie Presse braucht. Das ist für mich auch der Beginn des politischen Unterrichts, der später in den höheren Klassen fortgesetzt wird.

Zisch: Wie kam Zisch zu seinem Namen?

Poppen: Der Name ist nicht unsere Erfindung. Das IZOP-Institut (Institut zur Objektivierung von Lern- und Prüfungsverfahren), mit dem wir damals zusammen das Zisch-Projekt aufgesetzt haben, hat den Namen mitgebracht. Andere Verlage benutzen ihn auch. Übrigens: Unsere Zisch-Kinder waren die Namensgeber von B. Zetti und Betti Z. Erst gab es ja nur den männlichen Kinderreporter B. Zetti. Das hat zu einem kleinen Aufstand geführt – bei uns im Haus, aber auch draußen. Viele Kinder protestierten. Also wurde die Fotoreporterin Betti Z. erfunden.

Zisch: Haben Sie denn erwartet, dass Zisch mal so groß werden wird? Immerhin haben sich seit 2004 mehr als 53 000 Viertklässler an dem Projekt beteiligt.

Poppen: Nein, das war überhaupt nicht zu erwarten und darauf musste man sich auch hier im Haus erst einstellen – von der Betreuung und der Organisation her. Was wir auch nicht erwarten konnten war, dass wir stets Partner gefunden haben, die das Projekt unterstützt haben. Das war natürlich ganz wichtig. Zisch hat sich ständig der Entwicklung angepasst. Zischup, unser Projekt für Acht- und Neuntklässler, ist so eine Weiterentwicklung oder die Verlängerung von Zisch und Zischup in die digitalen Medien hinein.


Zisch: Gibt es aus zehn Jahren Zisch denn spannende oder lustige Anekdoten?

Poppen: Ja, sicher. Wie die, dass uns eine Lehrerin irgendwann mal in einem Brief darum bat, die "Erklär’s mir" kindgerechter zu schreiben. Ihre Klasse, so schrieb sie, hätte eine volle Schulstunde dafür benötigt, ein "Erklär’s mir" zu verstehen. Da mussten unsere Redakteure umdenken und die Inhalte in den Kästen mehr auf Kinder zu schreiben. In der Zwischenzeit sind mehr als 3300 "Erklär’s mir" erschienen. Auch lustig: Vor einiger Zeit schrieb uns eine Zisch-Klasse, dass die Temperaturangaben in der BZ unmöglich stimmen könnten. Die Klasse hatte in ihrem Zimmer ein Thermometer aufgehängt und die Temperaturen dort mit denen in der BZ verglichen. Kurze Zeit später haben sie uns dann wissen lassen, dass ihr Thermometer über der Heizung hing.


Zisch: Wie kann Zisch die Herausforderungen des digitalen Zeitalters meistern?

Poppen: Ich bin davon überzeugt, dass es die Zeitung auch in Zukunft geben wird. Aufgrund ihrer Glaubwürdigkeit, ihrer Haptik. Natürlich müssen Inhalte auch auf digitalen Kanälen zur Verfügung gestellt werden, damit der Leser, egal, wo er ist, das Medium Zeitung auch nutzen kann. Das ist mit den Kindern noch viel einfacher zu machen. Sie gehen sehr viel normaler mit den digitalen Medien um. Die Zisch-Kinder kommunizieren beispielsweise ganz selbstverständlich mit uns in einem für sie eingerichteten Forum. Online bringt die Aktualität, Print hat aber eine ganz besondere Wertigkeit. Das sehen auch Jugendliche so. Die meisten Zischup-Schüler wollen zum Beispiel, dass ihre Artikel in der Beilage erscheinen. Und nicht nur online. Print und Online sind für mich kein Widerspruch. Beide Medien ergänzen sich.