Studientag in Weil

Kirche soll für junge Menschen attraktiver werden

Ulrich Senf

Von Ulrich Senf

Mi, 01. Juli 2020 um 08:58 Uhr

Weil am Rhein

Vertreter von evangelischen Gemeinden und CVJM wollen Kirche neu gestalten – und sie attraktiver für junge Menschen machen. Beim Studientag in Weil am Rhein berieten sie darüber.

"An 70 Prozent dessen, was Kirche vor Corona ausgemacht hat, lässt sich nach der Pandemie nicht mehr anknüpfen" – die provokant formulierte These trieb evangelische Pfarrer und Pfarrerinnen sowie Diakone und Vertreter des CVJM beim ersten landesweiten Studientag der YChurch und des Netzwerkes Church-Convention (CC) um. Eingeladen hatten in Weil am Rhein die CVJM-Sekretäre Kathrin Husser und Jonathan Grimm, sowie Pfarrerin Juliane Rupp von der Lörracher Friedens- und ihr Kollege Martin Schulz von der Christusgemeinde.

Mitte der Gesellschaft ist nicht mehr Mitte der Kirche

"Die Mitte der Gesellschaft ist längst nicht mehr die Mitte unserer Kirche und wir müssen sie und die nötigen Innovationen draußen suchen", brachte Pfarrer Jens-Daniel Mauer aus Wittlingen-Schallbach das Problem auf den Punkt. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er als Pfarrer zwar die Notwendigkeit von Veränderungen erkenne, aber im Gemeindeleben solches Wissen wie "durch einen Trichter gepresst" bisweilen seine Innovationspotenziale einbüße.

Umso wichtiger war es den Vertretern der Church Convention und des CVJM, ihre erste gemeinsame Veranstaltung trotz der Corona-Einschränkungen nicht abzusagen. Ganz im Gegenteil: Der Diskussion war zu entnehmen, dass Corona den Austausch zwischen den innovationswilligen Pfarrerinnen und Pfarrern, die sich um Netzwerk Church-Convention zusammengeschlossen haben, und den Aktiven im CVJM, die für eine junge Kirche im Aufbruch stehen, sogar noch dringender erscheinen ließ. Der Shutdown habe erlaubt, "Ballast" abzuwerfen, und die Sinne für Fragen der Menschen und die Frage, wie die erreicht werden könnten, geschärft.

Eine Chance, um Raum für Veränderung zu gewinnen

Einig waren sich die Teilnehmer, dass man nicht einfach zum Tagesgeschäft übergehen könne, sondern der Shutdown auch eine Chance biete, "Gesetzmäßigkeiten zu verlernen, um Raum für Veränderungen zu gewinnen", wie es Referentin Katharina Haubold von der CVJM-Hochschule in Kassel formulierte.

Was bereits vor einem Jahr als Treffen im Schloss Unteröwisheim bei Karlsruhe geplant war, wurde unter der Moderation von Juliane Rupp und Matthias Kerschbaum, dem Generalsekretär des CVJM Baden, sowie dem technischen Support von Jonathan Grimm in der Johannesgemeinde zum Hybrid-Studientag mit insgesamt 65 Teilnehmern. Dabei schalteten sich sowohl Einzelpersonen in die Video-Konferenz ein wie auch ganze Gruppen – die größte von ihnen mit elf Diakoninnen, Pfarrern und Sozialarbeitern in der YChurch in Weil am Rhein.

Vielfältige innovative Modelle

Wie vielfältig solche innovativen Modelle aussehen können, belegen die Initiatoren in der Regio: Mit der YChurch in der ehemaligen Johannesgemeinde in Weil, dem Kontor als Künstlertreff im Schloss Beuggen aber auch der neuen Form der Kindergottesdienste unterm Titel Kirche Kunterbunt in Lörrach sowie dem Schülercafé Kamel-ion, ebenfalls in Lörrach, ist ein Anfang gemacht. Die neuen Formen, so Pfarrer Markus Schulz von der Christusgemeinde in Lörrach, sollen Freiräume für Experimente eröffnen – ohne dabei den Blick auf die Verkündigung des Glaubens aus den Augen zu verlieren. "Wir befinden uns auf einem gemeinsamen Weg und können viel voneinander profitieren", sagt Kathrin Husser von der YChurch in Weil am Rhein und bezeichnet es als eine Bestätigung der Arbeit, die sie als CVJM-Sekretärin zusammen mit ihrem Kollegen Jonathan Grimm im Oktober des vergangenen Jahres aufgenommen hat. "Wir erleben, dass wir Innovation nicht alleine leben, sondern dass es auch innerhalb der Landeskirche und der Kirchengemeinden ganz viele Ansätze gibt", führt Husser an.

CVJM-Sekretäre gestalten die Gemeindearbeit

Dabei kann die Weiler YChurch die größten Freiräume nutzen. Mit dem Umbau der früheren Johanneskirche und des Gemeindehauses zu einem lichten, modernen Zentrum, verbindet sich das bisher in Baden einzigartige Modell, dass die frühere Pfarrerstelle nicht mehr besetzt wurde, sondern die beiden CVJM-Sekretäre als Diakone die Gemeindearbeit gestalten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einem jungen Publikum und Familien – über die traditionellen Grenzen der Kirchengemeinden hinweg. Mit der offenen Kirchentüre, die die moderne Musik auch nach außen dringen lässt, setze man aber ein Zeichen, dass die YChurch für die ganze Stadt dasein wolle.

Kontor lädt erstmals auf Schloss Beuggen ein

Das Kontor, das am 3. Juli erstmals in den Hof und die Kapelle des Schlosses Beuggen einlädt, will Künstlern Raum gegeben, um ihre Sicht auf die Welt darzulegen, in Konzerten ebenso wie in Performances, Streetart oder ganz sinnlich bei der Cooking Art. Als "Raum für inspirierenden Aus- und Eindruck" sowie "performativen Austausch über Lebenswerte" will die Kirche das alte Kontor-Gebäude experimentell beleben.

Kirche ist dabei, sich neu zu erfinden, und ist bereit, dazu mit alten, verstaubten Traditionen zu brechen, so die Botschaft des Studientages. Zumindest einen Teil des Weges wollen YChurch und die Pfarrerinnen und Pfarrer der Church-Convention gemeinsam gehen, war zu erkennen. Für das kommende Jahr wurde bereits ein neuer Studientag verabredet, an dem sie sich austauschen, aber sich dann auch endlich persönlich kennenlernen wollen.