Die malvenfarbene Melodie

Christine Adam

Von Christine Adam

Di, 22. Oktober 2019

Klassik

Die Mädchenkantorei am Freiburger Münster mit einem seltenen Werk von Olivier Messiaen.

Bei Olivier Messiaen sind auch die Farben, das Violett-Gelb und das Blatt-Flamme-Gold, Teil der Schöpfung. Da beweist der "Mondlichtfächer aus Fuchsie" die Gegenwart Gottes. Der 1908 geborene große Franzose hatte ein weites Herz und einen tiefen Glauben, stimmte er doch nach den Erfahrungen durch Okkupation, Krieg und Gefangenschaft ein vielstimmiges Gotteslob an. Die 1943/44 entstandenen "Trois petites Liturgies" preisen die Gegenwart Gottes mit einer vom Komponisten verfassten, an Sprachbildern überreichen theologischen Poesie. Und mit einer Musik, die mit der Schöpfung eins ist, mit den Messiaen-typischen Vogelstimmen. Und wo die balinesische Gamelan-Tonsprache keine exotische Außenseiterposition einnimmt, sondern für die umfassende Liebe Gottes steht.

Gänzlich unangestrengt stimmte jetzt die Mädchenkantorei am Freiburger Münster unter Martina van Lengerichs Leitung diese Beschwörung der Gottespräsenz an. Fröhlich, dabei rhythmisch genau zeichnend, erklang bei diesem Münsterkonzert der asiatisch kolorierte Refrain im zweiten Teil ("Sequenz des Wortes"). Bei der meist einstimmigen Partie deklamierte der Chor präzis die unter anderem hinduistisch inspirierte Polyrhythmik, bewahrte auch in der größten Emphase, den Höhenstrecken, zuverlässig seine lupenreine Intonation. Messiaen hatte sich für Aufführungen der "Liturgies" der klanglichen Reinheit wegen ja stets den Kinderchor von Radio France gewünscht. Mit dem Niveau, das die Mädchenkantorei nun im Münster bot, wäre der Komponist wohl sehr zufrieden gewesen. Und mit dem Orchester.

Zum Klangzauber geriet die "rote und malvenfarbene Melodie" der Antiphon (Violine: Myvanwy Penny). Mit eher perkussiven Beiträgen bei den "Liturgies" fast omnipräsent: der Pianist Alfonso Gómez, an seiner Seite Hee-Jung Min-Maierhofer (Celesta). Farblich angereichert wurde das Streichorchester durch Vibraphon (Nanae Kubo) und Maracas (David Auli Morales). Die Ondes Martenot, das zu eigenartigen Glissandi fähige elektronische Instrument (Fabienne Martin), schienen ferne Welten ins Gebet zu integrieren, wo es den Regenbogen der Liebe zu beschreiben gilt. Souverän führte die Dirigentin durch die komplexe Partitur.

Mit A-cappella-Werken aus dem hohen Norden hatte die Mädchenkantorei ihr Herbstkonzert begonnen. Bei Knut Nystedt – im "Lobpreis der Liebe" hat der 1915 geborene Norweger Biblisches aus erstem Korintherbrief und Hohelied vertont – gefielen die dunklen Altstimmen des Chores. Spielerisch, mit Schlagwerk, wenn es ums Kindsein geht, lakonisch dann der erwachsene Kommentar: "tat ich ab, was kindlich war". Zu Anfang war der Chor ins da noch dunkle Münster eingezogen. Bei der eindrücklich-schlichten, meist homophonen Motette "Even when He is silent" von Kim André Arnesen (Jahrgang 1980) ging das Licht an. Hoffnung in dunkelster Zeit: Der vom jüdischen Schriftsteller Zvi Kolitz übermittelte Text wurde an einer Wand gefunden. In einem Kölner Keller, wo sich während der Nazizeit Juden versteckt hatten.

Ins Salzburger Rokoko entführte das Streichorchester mit Mozarts F-Dur-Kirchensonate KV 224. Inspiriertes Gotteslob der heiteren Art.