"Kleine Revolution könnte sich lohnen"

Hans-Jürgen Hege

Von Hans-Jürgen Hege

Sa, 07. September 2019

Zell im Wiesental

Einzig verbliebener Zeller Vollzeit-Kassenarzt, Dr. Andreas Koch, begrüßt Schopfheimer Unterschriftenaktion zum Hausärztemangel.

ZELL. Wieder war die "Bude" überfüllt, wieder stand ein Arzt im Rampenlicht. Und wieder klebten die Zuhörer hoffnungsvoll an seinen Lippen, um schließlich erneut klar und deutlich zu erfahren: Nicht nur Zell, nicht nur das Wiesental, sondern ganz Deutschland hat vor allem in ländlichen Bereichen ein nicht schnell lösbares Problem: den Ärztemangel.

Weit über hundert Bürger waren auf Einladung des CDU-Ortsverbands Zell in die Begegnungsstätte des Hans-Fräulin-Areals gekommen, um sich das "Ärzteproblem der Schwanenstadt" aus Sicht des einzig verbliebenen Vollzeit-Kassenarztes der Gemeinde, Dr. Andreas Koch, erläutern zu lassen. Der Arzt, der seit 32 Jahren im Städtle praktiziert, versicherte der aufmerksam lauschenden Gesellschaft zu deren großer Erleichterung, dass er den Patienten Zells noch mindestens sieben bis zehn Jahre erhalten bleibe, wenn es seine Gesundheit zulasse.

Koch schilderte Ursachen wie den veränderten Anspruch auf Freizeitgestaltung, der den Nachwuchs davon abhalte, sich um den zehn- bis 15 Stunden-Job eines praktizierenden Arztes zu reißen. Hohe Kosten, keinerlei Absicherung der Risiken, ein enormer bürokratischer Aufwand und permanent drohende Regressansprüche seien nicht gerade ideale Voraussetzungen für junge Mediziner, das relativ sichere "Nest" eines angestellten Arztes beispielsweise im Krankenhaus zu verlassen. Wer arbeite schon gerne acht bis zehn Stunden, von denen am Ende fünf Stunden vergütet werden? Es gehöre viel Idealismus dazu, diesen Beruf auszuüben. Im Gegensatz zum Schönauer Arzt, Dr. Thomas Honeck, der vor einigen Wochen an gleicher Stelle über seine Erfolge in Todtnau referierte, ist Koch der Meinung, dass Patienten das Recht auf eine gewisse Kontinuität haben und nicht jede Woche andere Gesichter in den Praxen zu sehen bekommen sollten.

Koch plädierte auf Nachfrage aus dem Publikum auch dafür, dem Schopfheimer Beispiel zu folgen und Unterschriften zu sammeln, um den Verantwortlichen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und der Politik in Bund und Land nachhaltig auf die Füße zu treten. Es könnte sich lohnen, sich auf die Hinterbeine zu stellen und eine kleine Revolution anzustacheln, Protest an den richtigen Stellen zu positionieren, um etwas in Bewegung zu bringen, was längst in Bewegung sein sollte. Er selbst sei in Zell in der glücklichen Lage, Stadtverwaltung und Gemeinderat hinter sich zu wissen.

Arzt regt Bürgeraktionen an

Das unterstrich schließlich auch Bürgermeister Peter Palme, der allerdings deutlich zu machen versuchte, dass der Kommune in vielen Fällen die Hände gebunden seien, weil ihr nicht alles erlaubt sei, was man sich von ihr erhoffe. Andreas Koch allerdings wollte das so nicht im Raum stehen lassen. Er erntete viel Beifall für seinen Einwand, dass Verbote nicht in Stein gemeißelt seien. "Wenn Gesetze und Vorschriften Sinnvolles verhindern, müssen wir uns daran machen, dies schleunigst zu ändern", sagte er und sicherte den Zuhörern zu, voll hinter ihnen zu stehen, sollten sie sich zu irgendwelchen Aktionen aufraffen.

Palme belegte den Vortrag von Koch mit "Zahlen aus Sicht der Stadt, die deutlich machen sollen, wie dringend nötig eine Verbesserung der Situation ist". Die KV gebe vor, dass 1671 Patienten pro Arzt versorgt werden müssen. Nach Gesprächen mit Dr. Koch habe sich herausgestellt, dass dieser theoretische Wert nicht einhaltbar sei. Wenn man die Vorgabe in Relation zu 6300 Einwohnern sehe, bräuchte die Stadt 3,75 Vollzeitstellen. Addiere man zur Einwohnerzahl der Stadt noch die 850 Häg-Ehrsberger Bürger hinzu, die größtenteils ebenfalls von Zell aus versorgt werden müssen, erhöhe sich die Zahl der erforderlichen Vollzeitstellen auf 4,25. Und die Kommune, so der Bürgermeister, könne sich die fehlenden Ärzte leider "nicht aus den Rippen schneiden". Aus Sicht Kochs könnten aber auch die Kommunen dazu beitragen, den Hausarztbesuch für junge Ärzte attraktiver zu machen. Und lukrativer. "Hausärzte und Kinderärzte stehen mit ihren Einkommen ganz am Ende der Kette. Ein Rechtsanwalt habe ihm vor einigen Tagen gesagt, dass sich sein Stundenlohn um die 380 Euro bewege. Davon sei ein Hausarzt, der pro Hausbesuch 20 Euro abrechnen darf, Lichtjahre entfernt", ärgerte sich Dr. Koch.

CDU-Vorsitzender Klaus Wetzel und Stellvertreterin Daniela Rümmele kündigten an, ihre politischen Gallionsfiguren, etwa Armin Schuster, mit den zunehmend lauter und deutlicher werdenden Vorwürfen aus Zell zu konfrontieren. Und sie warben für ihr nächstes Projekt aus der Veranstaltungsreihe "Wir kümmern uns". Im Gresgener Landgasthaus "zum Gäßle" werden am 19. September um 20 Uhr die Förster Rolf Berger und Wilfried Herden über "unseren Wald" referieren.