Knallbunt in den Abgrund

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 15. Dezember 2019

Theater

Der Sonntag Familienhölle: Anita Vulesica beschleunigt am Theater Basel Robert Walsers Gehülfe.

Den Stoff hatte ihr der damals noch in Basel agierende Intendant Andreas Beck angetragen. Anita Vulesica inszeniert jetzt einen poppig bunt runderneuerten Robert Walser mit Rap-Einlagen im Schauspielhaus.

"Sie kommen aus der Nacht, wo sie am schwärzesten ist", so beschrieb Walter Benjamin Robert Walsers Figuren einst treffend. Erhellt werde die Finsternis nur von "dürftigen Lampions der Hoffnung". Mit ihrer Bühnenadaption von Walsers 1908 erschienenem Roman "Der Gehülfe" stellt Anita Vulesica diese Finsternis jetzt keck auf den Kopf. Am Basler Schauspielhaus übergießen nicht zuletzt Janina Brinkmanns Kostüme die Figuren geradezu mit Farbe. Beißend gespiegelt wird hier der demonstrativ nach außen gekehrte Wohlstand einer längst dem finanziellen Untergang geweihten Familie mit Villa am Zürichsee.

Im dunklen Anzug erscheint in der als abgründige Komödie angelegten Bühnenfassung allein die Titelfigur Joseph Marti. Etwas ins Hintertreffen gerät dabei der Kern im Werk des Schweizer Autors, der Jahre seines Lebens in Heilanstalten zugebracht hatte und schreibend im zweifelnden Blick auf sich selbst gefangen blieb. In dieser auf Walsers eigener Erfahrung beruhenden Geschichte fragt sich der Protagonist beständig, ob er den Anforderungen überhaupt gerecht werden kann und etwa das schöne Zimmer und das gute Essen verdient hat. Auf sein Gehalt muss er freilich warten. Sein Dienstherr scheint sich solche Fragen nicht zu stellen, er genießt und gibt das Geld mit vollen Händen aus, das er längst nicht mehr hat.

Mario Fuchs gibt den Gehülfen in linkischem Bestrebtsein und mit permanent ins Gesicht geschriebener Bestürzung. Er jagt in einer Art Stechgalopp über die Bühne, sodass die Knie ihm fast an die Nasenspitze stoßen und lässt beim Basler Publikum kurz fröhliche Erinnerungen an "Die drei Musketiere" wach werden, mit denen Antonio Latella hier im Frühjahr einen absurd komischen Bühnenhit gelandet hatte. Fuchs spielt aber auch den angesichts der Verhältnisse mehr und mehr Fassungslosen sehr bildhaft aus. Dabei ist es weniger die aussichtslose finanzielle Situation des Erfinders Carl Tobler, die ihn irritiert, sondern eher die Gesamtsituation dieser schillernd zerbrochenen Familie.

Im rotgoldenen Brokatjackett, mit Hut und Pelzmantel, wirft sich der wie immer unvergleichliche Martin Hug in diese Rolle. Er ist sowohl der joviale Gönner und Lebemann als auch der Choleriker, der Martis ebenso schillernd gewandeten Amtsvorgänger Wirsich (Pascal Goffin) dessen Trunksucht ohne jede Selbsterkenntnis vorwirft: Dieser Tobler ist selbst dem Alkohol zugetan. Und dann erst die Situation in der Familie. Vulesica, die seit 2011 am Berliner Ensemble spielt und seit 2015 auch regelmäßig Regie führt, hat die von Walser beschriebene sechsköpfige Familie um zwei Söhne auf nur noch zwei ungleiche Töchter zurechtgestutzt.

Dora (Friederike Bernhardt) wird von den Eltern abgöttisch geliebt, während ihre Schwester Silvi (Katharina Marianne Schmidt) die Gehasste, Geschlagene und Gequälte ist. In einer dramatischen Szene stürzt sie in ein Wasserloch des zugefrorenen Sees vor ihrer Haustür. Ihre verzweifelten Rettungsversuche werden von der Familie und von Marti geflissentlich übersehen. Als Silvi das Unglaubliche endlich doch noch geschafft hat, schreitet ihre Mutter (Friederike Wagner) betont langsam mit einem Rettungsring herbei, den sie nicht mehr braucht. Sie könne schließlich nichts dafür, dass sie das Kind hasst, hatte sie Marti zuvor wissen lassen.

Henrike Engels anfangs noch in weißlichen Nebel gehüllte Bühne dominiert ein als Familienschiff dienender Riesenschwan, den die ungeliebte Silvi gelegentlich in Bewegung setzen soll. Dem Kind gelingt das in absurder Akrobatik nur unter Aufbietung aller Kräfte. Zur Farce wird schnell auch der von allen gemeinsam erlebte Schweizer Nationalfeiertag mit Feuerwerk und Papphütchen. Der schwimmende Schwan, der an Richard Wagners "Lohengrin" und das darin zitierte irdische Jammertal erinnert, treibt die optischen Knalleffekte dieser Inszenierung zum Äußersten.

Auf den Boden des Ur-Walser kehrt die Bühnenfassung erst am Schluss zurück. Marti steht da sehr aufgeräumt und adrett gekleidet im Regen vor der Toblerschen Haustür: "Es wundert mich beinahe, dachte der Dastehende, dass ich einen Schirm bei mir habe." Damit ließe sich, nach dem Verfasser gefragt, leicht jede Prüfung bestehen. Das kann nur Robert Walser sein.
DER GEHÜLFE Theater Basel, Schauspielhaus. Karten und Informationen: http://www.theaterbasel.ch