Unruhestifter

"Krawall-Tourismus" macht Polizei im Südwesten zu schaffen

dpa

Von dpa

Di, 03. August 2021 um 12:58 Uhr

Südwest

Sie kommen, um die Polizei zu provozieren und dabei bejubelt zu werden - junge Männer, die vor Gleichaltrigen Eindruck schinden wollen. Die Polizei muss sich auf solche mobilen Unruhestifter einstellen.

"Krawall-Tourismus" macht der Polizei im Südwesten schwer zu schaffen. "Verabredung junger Menschen aus ganz Deutschland zur gemeinsamen Randale über soziale Medien ist ein eher neues Phänomen", sagte der designierte Mannheimer Polizeipräsident Siegfried Kollmar der Deutschen Presse-Agentur. So seien an Pfingsten auf Krawall gebürstete junge Männer aus Südbaden und Rheinland-Pfalz auf die Heidelberger Neckarwiese gereist, um sich dort bewusst mit der Polizei anzulegen. Es habe sogar eine Anfrage aus Hamburg über soziale Medien gegeben, ob sich die lange Fahrt hinsichtlich der zu erwartenden Auseinandersetzungen lohne.

"So ein Bedürfnis nach zielgerichteter Eskalation gab es vor Corona in dieser Form nicht, das ist eine neue Qualität." Früher mussten Beamte in Einzelfällen nächtliche Griller oder Gruppen mit Musikboxen zurechtweisen, aber Flaschenwürfe gegen die Polizei und damit verbundene Körperverletzungen habe es dabei nicht gegeben, sagte Kollmar. Bei dem Einsatz auf der Neckarwiese an Pfingsten waren sieben Beamte verletzt worden, darunter war eine Polizistin, deren Fuß wegen eines Flaschenwurfs gebrochen wurde.

Auch der vom Jugendschöffengericht wegen besonders schweren Landfriedensbruchs und tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilte 18-Jährige stammt nicht aus Heidelberg; der junge Mann, der in der Nacht zu Pfingstsonntag ein Corona-Testzelt demoliert haben soll, kommt aus dem Landkreis Karlsruhe.

Alkohol spielt eine große Rolle

Die Gemengelage ist nach Einschätzung Kollmars überdies schwierig, weil es auch zur Solidarisierung mit den Gewaltbereiten komme. Dadurch entstehe eine gewisse Gruppendynamik, die leicht außer Kontrolle gerate. Andererseits führe es bei Hunderten friedlich Feiernden zu Frust, wenn sie ebenso wie die vergleichsweise wenigen Unruhestifter die Lokalität verlassen müssten.

Er habe viel Verständnis für junge Menschen, die nach den Corona-Einschränkungen feiern wollen, sagte der Vater einer erwachsenen Tochter. "Junge Leute dürfen schon mal über die Stränge schlagen, da überhören wir auch so manche Beleidigung, aber wenn Sachbeschädigungen und Körperverletzungen dazu kommen, müssen wir eingreifen", sagte der 59-jährige Kurpfälzer. "Die These, die Polizei verursache solche Randale, halte ich für völlig falsch." Die Beamten reagierten bei solchen Vorfällen erst, wenn Straftaten bereits begangen werden oder sie kurz bevorstehen. "Meinetwegen können die jungen Leute die ganze Nacht dort verbringen, solange sie den Anrainern nicht den Schlaf rauben."

Eine Sanktion, die lange nach der Tat erfolgt, verpufft

Alkohol spiele bei den Auseinandersetzungen zwischen jungen Leuten und Polizei eine große Rolle. "Um 21 Uhr räumen wir die Wiese noch problemlos, zwei Stunden später ist das wegen zwischenzeitlich gestiegener Alkoholpegel weit schwieriger", sagte der bisherige Stellvertreter von Andreas Stenger, der als Leiter des Landeskriminalamtes nach Stuttgart gegangen ist. Ein zeitlich und örtlich begrenztes Alkoholkonsumverbot bringe wenig, weil die Menschen sich zum Beispiel in nah geparkten Autos immer wieder Getränke genehmigten und dann betrunken, aber ohne Flasche auf die Wiese zurückkehrten. Nächtliche Alkoholverkaufsverbote seien sinnvoller, sagt Kollmar, dessen Präsidium mit 2600 Beschäftigten das größte im Land ist.

Wichtig sei bei jugendlichen Straftätern, dass eine Sanktion unmittelbar nach der Tat erfolge. "Wir brauchen mehr Erziehung, weniger Strafe", sagte Kollmar. Stundenweise soziale Arbeit und Täter-Opfer-Ausgleich seien da die richtigen Instrumente. Zur Beschleunigung der Verfahren setzt sich Kollmar für ein Haus des Jugendrechts in Heidelberg ein, in dem Staatsanwaltschaft und Polizei Tür an Tür arbeiten. Im kommenden Jahr könnte eine solche Institution in Heidelberg an den Start gehen. "Wenn der junge Mensch ein Jahr auf eine Entscheidung warten muss, ist ihm der Zusammenhang gar nicht mehr präsent, der Effekt etwaiger Strafen oder Auflagen verpufft."