KRIMINALROMANE

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Sa, 27. November 2021

Literatur & Vorträge

Nur ein toter Schwarzer

Valerie Wilson Wesley: Ein Engel über dem Grab. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Diogenes Verlag, Zürich 2021. 288 Seiten, 16 Euro.

Nur ein weiterer toter Schwarzer. Da macht sich die Polizei von Newark, der größten Stadt im US-Bundesstaat New Jersey, wenig Mühe mit der Ermittlung der Todesumstände. Privatdetektivin Tamara Hayle kennt das: Die Afroamerikanerin war selbst bei dem Verein – bis sie den Rassismus dort nicht mehr aushielt. Seither schlägt sie sich durch, meist mit Scheidungsfällen ihrer "Sisters" und "Brothers". Aus Geldnot ermittelt Tamara sogar für ihren Ex-Mann DeWayne – den sie "ein verdammtes Schwein" nennt. Terrence, einer seiner Söhne, soll an einer Überdosis Crack gestorben sein, so die Polizei. Niemals, sagt DeWayne, und tatsächlich stößt Tamara auf Unstimmigkeiten. Mit dem Roman "Ein Engel über dem Grab", der vom Diogenes Verlag gerade wiederaufgelegt wurde, begann 1994 die Tamara-Hayle-Reihe von Valerie Wilson Wesley. Die Autorin schaut durch ihre alleinerziehende Detektivin auf eine Black Community, in der Elend, Kriminalität und Diskriminierung alltäglich sind und der Ton ungewohnt. Tamara bescheinigt einer Sister ein "vollkommenes Hinterteil" oder eine "kesse Lippe". Ein dubioser Brother weckt bei ihr "reine, schlichte, tierische Lüsternheit". Umgebung, Stimmung, Zeitkolorit und ein spannender Fall sorgen trotz gewagtem Ende für tolle Krimiunterhaltung. Tamara fürchtet um ihren Sohn Jamal, der auch von DeWayne stammt. Ein weiterer seiner Söhne ist nämlich schon kurz vor Terrence auf fragwürdige Weise zu Tode gekommen.Traurig-einsame Jugend

Una Mannion: Licht zwischen den Bäumen. Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Steidl Verlag, Göttingen 2021. 338 Seiten, 24 Euro.

Ein Krimi braucht ein Verbrechen. In dem Buch "Licht zwischen den Bäumen" kommt ein Verbrechen vor. Ein Mädchen, Ellen, zwölf Jahre alt, steigt zu einem Fremden ins Auto. Seine Hand wandert auf der Fahrt an ihrem Bein entlang. Bis ganz nach oben. In einer Kurve gelingt Ellen die Flucht. Sie flieht nach Hause, das kein echtes Zuhause ist. Der Vater tot, die Mutter überfordert und die meiste Zeit unterwegs. Sie war es auch, die Ellen nach einem Streit im Nirgendwo aus dem Auto geworfen hat. Darum ist das Mädchen per Anhalter gefahren. Erzählt wird die zart geschriebene Familiengeschichte aus der Perspektive der 14-jährigen Libby, Ellens Schwester, die viel zu viel Verantwortung übernimmt, weil es die Erwachsenen um sie herum nicht tun. Berührend ist, wie sich die in den USA geborene und in Irland lebende Autorin Una Mannion in Libbys Sommer hineinschreibt, ihr auf den Fersen ist, wenn sie durch den wildwuchernden Wald streift oder sich mit ihrer Freundin Sage im Königreich, einer kleinen Waldlichtung, trifft, um Mentholzigaretten zu rauchen. "Licht zwischen den Bäumen" ist ein Coming-of-Age-Roman, der hervorholt, wie traurig-einsam Jugend sein kann. Die Zerbrechlichkeit von Libbys Welt zeigt sich nicht erst am Ende des Buches. Aber dort mit voller Wucht, denn der Mann aus dem Auto taucht wieder auf und das Porträt einer kaputten Familie geht in einen Thriller über. Was nicht nur Libby in Panik versetzt, sondern auch die Leserin.