Interview

"Krisenzeiten sind ein Katalysator für Verschwörungserzählungen"

Sabine Ehrentreich

Von Sabine Ehrentreich

Fr, 22. Januar 2021 um 13:30 Uhr

Lörrach

In der Corona-Krise finden Verschwörungserzählungen ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft. Warum ist das so? Welche Rolle spielt das Internet? Eine Expertin antwortet.

Im Rahmen des Studium Generale an der DHBW referiert Giulia Silberberger, die sich seit Jahren intensiv damit befasst, in der Online-Veranstaltung am 25. Januar über Verschwörungsideologien. Sabine Ehrentreich sprach vorab mit der Gründerin der Berliner Organisation "Der Goldene Aluhut".

BZ: Sie verwenden den Begriff Verschwörungsideologien statt –theorien. Klingt der Begriff Theorie zu sehr nach Wissenschaft?

Silberberger: Eine Verschwörungstheorie hat einen wissenschaftlichen Anspruch, den das Geschwurbel, über das wir hier sprechen, nicht mitbringt. Der Begriff hebt es auf einen Level, den es nicht verdient. Wir sprechen hier von Ideologien, von Glaubenskonstrukten, geschlossenen Weltbildern, die von Verschwörungserzählungen, Narrativen oder Fake News genährt werden. Daneben gibt es die klassischen Verschwörungsmythen wie die Ritualmordlegenden oder Narrative wie das von der jüdischen Weltverschwörung oder die vom besetzten Land, die zur Reichsbürgerideologie führt. Wenn man sich das wie ein Haus vorstellt und die verschiedenen Verschwörungserzählungen sind die Wohnungen, dann sind die Fake News wie Einrichtungsgegenstände. So erklärt sich, wie Personen zusammenfinden, die eigentlich in verschiedenen Wohnungen leben. Wenn die zueinander zu Besuch kommen, sehen sie, die Couch oder das Bild an der Wand habe ich ja auch. Dann findet man schon mal einen gemeinsamen Nenner.
Zur Person

Giulia Silberberger, Jahrgang 1981, ist Betriebswirtin und lebt in Berlin. Sie stieg 2007 aus der Sekte der Zeugen Jehovas aus. 2013 begann sie sich gegen Verschwörungsideologien und ideologischen Missbrauch zu engagieren. 2014 gründete sie den "Goldenen Aluhut", eine gemeinnützige Organisation, die sich die Aufklärung über Verschwörungsideologien zur Aufgabe gemacht hat.

BZ: Es gibt schon lange Verschwörungsideologien, etwa im Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September in den USA. Doch seit dem Beginn der Pandemie scheint es ganz neue Blüten zu treiben und scheinen die Verfechter ganz anders an die Öffentlichkeit zu gehen. Ist das so – und warum?
Silberberger: Krisenzeiten sind immer ein Katalysator für Verschwörungserzählungen und –ideologien, das bringt das Ganze ganz weit nach vorne. Weil dann ein Grund gegeben ist, darüber zu sprechen. Wenn wir uns an 9/11 erinnern, andere Terroranschläge, andere Krankheitsausbrüche wie Ebola, das zog auch Verschwörungserzählungen nach sich, die dann immer neu aufgekocht werden. Alles, was wir während Corona hören – die drohende Diktatur, die Rolle von Bill Gates, die angeblich geplante Impfpflicht – haben wir schon während der Ebola-Zeiten gehabt. Nur das Virus wurde ausgetauscht. Auch in fernerer Vergangenheit finden sich Beispiele – bis hin zu den Ritualmordlegenden des Mittelalters. Immer wenn irgendetwas passiert, werden diese Erzählungen laut. In diesem Denken erscheint es viel zu banal, dass das Virus natürlich entstanden sein könnte. Da muss man die Schuld einer Angela Merkel geben oder einem Bill Gates. Menschen suchen sich Schuldige. Das passiert in Krisenzeiten.
"Das gibt ihnen das Gefühl der Kontrolle."

BZ: Können viele nicht umgehen mit dem suchenden Weg, den Wissenschaft und Politik naturgemäß eingeschlagen haben?
Silberberger: Das kommt noch dazu. Wissenschaft braucht Zeit, um Wissen zu schaffen. Das können viele nicht aushalten. Verschwörungserzählungen lassen sich ganz wunderbar an aktuelle Geschehnisse anpassen. Damit haben die, die das verbreiten, der Wissenschaft gegenüber einen Vorteil. Da die Menschen die Antworten schnell haben wollen und Angst haben, nehmen sie gerne Lügen an. Das gibt ihnen das Gefühl der Kontrolle.

BZ: Welche Rolle spielt das Internet?
Silberberger: Das spielt die entscheidende Rolle bei der Verbreitung. Menschen sind impulsiv und drücken einfach mal auf "Teilen", ohne den Inhalt einer Meldung geprüft zu haben. Die Columbia Universität hat 2016 auf Twitter erforscht, dass 59 Prozent der Leute die Artikel nicht gelesen haben, bevor sie sie weiter teilen. So verbreiten sich Falschmeldungen rasant. Wenn die Headline dem eigenen Weltbild entspricht, dann wird es weiterverbreitet, obwohl im Artikel vielleicht etwas ganz anderes steht.



BZ:
Wer hat ein Interesse daran, derlei zu verbreiten?
Silberberger: Das sind zum einen die Gläubigen selbst. Die wollen, dass ihr Glaube Verbreitung finden und dass die Leute "aufwachen". Dann gibt es die mit politischen Interessen, die Parteien gründen, oder etablierte Parteien wie die AfD, die damit Wahlkampf betreiben. Wir haben Menschen, die Bewegungen ins Leben rufen und auf den Straßen gegen eine vermeintliche Diktatur demonstrieren. Und es gibt finanzielle Interessen, etwa bei dener, die ihre Mittelchen, Kügelchen und Amulette verkaufen wollen. Eine ganze Branche lebt von dem Glauben an Verschwörungserzählungen. Die Esoterikbranche finanziert sich dadurch, dass Leute etwa den Ärzten misstrauen. Wenn man solche Gedanken schon hegt, dann machen bestimmte Meldungen einfach mehr Sinn.
"Man sollte unaufgeregt und mit Respekt diskutieren"

BZ: Wer ist Ihrer Meinung nach besonders anfällig, solche Mythen zu glauben?
Silberberger: Es sind viele dabei, die schon ein entsprechendes Weltbild mitbringen, weil sie so erzogen wurden, andere, die vielleicht selbst schon in einer Diktatur gelebt haben und Angst haben, dass es wieder passiert. Ein Großteil derer, die so etwas glauben, erlebt einen Kontrollverlust und glaubt, in dieser Gesellschaft nichts zu bewirken, fühlt sich hilflos und ausgeliefert. Das hat mit Bildung nicht primär zu tun. Menschen belügen sich gerne selbst, auch wenn sie es eigentlich besser wissen.

BZ: Wie sollte man, wenn im Umfeld oder gar der Familien Verschwörungsideologien geäußert werden, in die Auseinandersetzung gehen?

Silberberger: Da gibt es kein pauschales Rezept. Auf keinen Fall sollte man aber die Fronten verhärten. Gegenrede ist gut und richtig, aber man muss gut vorbereitet sein. Sonst verliert man eine Diskussion, bei der man eigentlich im Recht ist, weil der andere einen bombardiert mit den verschiedensten Erzählungen, so dass man kaum Luft holen kann. Man sollte möglichst unaufgeregt und mit Respekt diskutieren, nicht gleich die Keulen rausholen, sonst ist bald überhaupt kein Dialog mehr möglich. Wenn ein Diskurs nicht möglich ist, ist es ratsam, möglichst schnell eine Beratungsstelle aufzusuchen. Wir haben hier eine Konfliktsituation, die eine Familie zerbrechen kann.

BZ: Können Verschwörungsideologien der Demokratie etwas anhaben?
Silberberger: Auf jeden Fall. Es können rechtspopulistische Parteien in den Bundestag gelangen, wie bereits geschehen. Mit Verschwörungsideologien wurden Kriege begonnen – und wir haben jetzt zuletzt in den USA gesehen, was passiert, wenn sich verschwörungsideologische Massen mit Unterstützung der Politik daran machen, eine Demokratie zu stürzen. Das ist eine große Gefahr, die ich auch in unserem Land sehe. In jedem Land kann das passieren. Deswegen ist die Prävention so wichtig.

BZ: Sie haben sich 2007 von den Zeugen Jehovas losgesagt und engagieren sich seit 2014 gegen Verschwörungsideologien. Hat das miteinander zu tun?
Silberberger: Wenig, das kam später. Erst im Laufe meiner Arbeit habe ich meine Expertise erkannt. Anfangs ging es mir nur um eine Gegenposition zu Verschwörungsideologien. Im Laufe meiner Arbeit habe ich mich immer mehr an meine Vergangenheit erinnert. Ich habe den Begriff "Ideologischer Missbrauch" mehr oder weniger mitgeprägt. Ich lerne jeden Tag Neues dazu, auch im Bezug auf meine Sektenvergangenheit. Aber das war nicht der Grund für mein Engagement.
Die Teilnahme an der Online-Veranstaltung am Montag, 25. Januar, 18 Uhr, an der DHBW Lörrach ist für alle frei. Nach der Anmeldung (dhbw-loerrach.de/anmeldung-sg) erhalten Teilnehmende die Zugangsdaten.