Interview

"Man braucht eine Form von Besessenheit"

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

So, 25. Oktober 2020 um 10:40 Uhr

Kultur

Seit einiger Zeit bringt die Hochschule Offenburg talentierte Nachwuchskräfte für das Filmbusiness hervor. Im Interview spricht Professor Heiner Behring über die Hintergründe.

Seit einiger Zeit bringt die Hochschule Offenburg im Windschatten der bekannteren Filmakademien erfolgreich talentierte Nachwuchskräfte für das Filmbusiness hervor. Jürgen Reuß hat sich bei Heiner Behring, Professor an der Medien-Fakultät, nach den Bedingungen für junge Filmemacher wie Adrian Schwartz erkundigt.
Kein Geld, aber Leidenschaft: Filmemacher Adrian Schwartz aus Offenburg

BZ: Herr Behring, Adrian Schwartz hat bei Ihnen studiert, wagen Sie eine Prognose für seine Zukunft?
Behring: Adrian hat das klare Ziel, Filmemacher zu werden und schon einen prämierten Dokumentarfilm gedreht, jetzt kommt ein halblanger, sehr ambitionierter Spielfilm dazu. Er wird seinen Weg gehen, weil er die Form von Besessenheit hat, die man braucht, um in diesem Business zu bestehen.

"Die Studierenden haben Zeit sich auszuprobieren." Heiner Behring


BZ: Offenburg ist keine Filmakademie wie zum Beispiel die in Ludwigsburg. Kann Ihre Hochschule das nötige Rüstzeug vermitteln, das über die Besessenheit hinaus zum Erfolg führen kann?
Behring: Stimmt, wir sind eine Medienfakultät, keine reine Filmhochschule. Als ich 1998 dort die Professur für Filmgestaltung und Medientheorie antrat, musste ich den Filmbereich erst aufbauen. Aus anfangs 36 Studierenden pro Semester sind heute in vier Bachelor- und fünf Masterstudiengängen über 800 geworden. In unserem Gestaltungsstudiengang "medien gestaltung produktion" muss man sich nicht, anders als an den Filmhochschulen, von vorneherein entscheiden, ob man Regie, Kamera, Drehbuch oder Produktion machen möchte. Die Studierenden haben Zeit sich auszuprobieren. Im Grundstudium machen sie alles, sammeln erste Erfahrungen im Schreiben von Exposés und Drehbüchern, lernen, wie man recherchiert und Interviews führt, machen im dritten Semester ihren ersten eigenen Kurzfilm und haben dann eine gute Grundlage, ihren Schwerpunkt für das Hauptstudium ab dem fünften Semester zu wählen. Fürs Filmen muss man in vielen Bereichen sehr fit sein, weil das Medium fast alle alten Kunstarten in sich vereint.
BZ: Eine der Hauptschwierigkeiten ist die Finanzierung. Filmen ist teuer...

Behring: Ich mache es mal konkret: Abschlussproduktionen wie Adrians Film unterstützen wir mit 1000 Euro pro Abschluss, dieser Film ist für den Regisseur und den Kameramann die Abschlussarbeit. Außerdem würdigen wir, dass viele Kommilitonen aus dem Grundstudium mitarbeiten, so dass wir 3500 Euro dazugeben...
BZ: ... was selbst angesichts eines bescheidenen Gesamtetats von rund 18.000 eine kleine Summe ist.
Behring: Da sind wir wieder bei der nötigen Besessenheit. In der Realität wartet draußen auch nicht der große Sponsor, der einfach 100.000 Euro hinlegt und "Macht mal!" sagt. Die Studierenden müssen sich auch mit der wirtschaftlichen Seite des Films beschäftigen, also Sponsoren suchen, Geld akquirieren – sie dürfen sich nicht zu fein dafür sein, selbst Metzger und Bäcker zu bitten, die Wurstsemmeln fürs Catering der Crew zu sponsoren. Das kann super hart sein. Einen guten Produzenten zeichnet aus, dass er oder sie das auch hinkriegt, so wie Adrian, der für seinen Film ein cooles Finanzierungskonzept gefunden hat.

BZ: Ob sich das Filmstudierende so erträumen?
Behring: Es ist sehr sportlich, einen Film zu finanzieren, das wissen wir auch. Aber erinnern wir uns: Wie hat denn Jim Jarmusch seine ersten Filme gemacht? Der hatte auch kein Geld für "Stranger than Paradise". Wim Wenders hat ihm seine Filmreste geschenkt, und dann hat er jede Szene in langen Einstellungen gedreht, um Material zu sparen. Junge Filmemacher müssen improvisieren lernen. Godard hat in seinem ersten Film "Außer Atem" für die Kamerafahrten seinen Kameramann Raoul Coutard eigenhändig im Kinderwagen über die Champs d’Élysée geschoben. Das ist die Richtung, in die Studierende denken müssen. Wobei wir technisch sehr gut ausgestattet sind, da können wir von der Kameratechnik bis zur Studioausstattung absolut professionelle Filmproduktionen garantieren. Aber zu unserer Aufgabe gehört auch, Fantasie und Improvisationstalent herauszufordern.
BZ: An Bewerbern, die diese Herausforderung suchen, mangelt es Ihnen nicht?
Behring: Nein. Interessanterweise haben wir mehr Bewerber aus Berlin als aus der Freiburger Gegend. Offenbar sind wir überregional bekannter als regional. Das merken wir auch bei unserem trinationalen studentischen Filmfestival "Shorts". Dafür bekommen wir Einsendungen von allen renommierten Filmhochschulen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz.

Heiner Behring, 63, produzierte als freiberuflicher Autor und Regisseur Dokumentar- und Kurzfilme und ist seit 1998 Professor für Filmgestaltung und Medientheorie an der Fachhochschule Offenburg.