Tief verwurzelter Rassismus

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 27. Januar 2019

Kultur

Der Sonntag Freiburg hat als eine der ersten deutschen Städte überhaupt ihre koloniale Vergangenheit aufarbeiten lassen.

Freiburg war tief in den Kolonialismus verstrickt. Das ist das Ergebnis einer von der Stadt in Auftrag gegebenen Studie, die am Freitag vorgestellt wurde. "Freiburg ist eine der ersten Städte in Deutschland, die eine solche Untersuchung vorlegt", sagte Sozial- und Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach.

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg ging für Deutschland das Kapitel der Kolonien zu Ende: Im Vertrag von Versailles teilten die Siegermächte die deutschen Gebiete unter sich auf. Doch die Begeisterung für den Kolonialismus der Deutschen nahm in der Folge erst richtig Fahrt auf. Dies belegt die Studie "Freiburg und der Kolonialismus. Vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus" für die Stadt Freiburg.

Wie das Autorenteam um den früheren Freiburger Geschichtsprofessor Bernd-Stefan Grewe herausarbeitete, war das menschenverachtende Bild von den unterentwickelten Eingeborenen in Afrika, Asien und anderen Teilen der Welt, die es zu missionieren und zivilisieren galt, in allen Gesellschaftsschichten der Stadt verwurzelt. Eine kritische Haltung findet sich kaum. Kritik wurde allenfalls daran geübt, wie die Unterdrückung ausgeführt wurde. So empörten sich Arbeiter etwa darüber, dass "Neger grausam zu Tode gequält" wurden oder nahmen Anstoß an der Verschwendung von Steuern für die Kolonien – die Kolonien als solche aber wurden nicht infrage gestellt. Dasselbe lässt sich vom katholischen Milieu sagen. So verurteilte der Afrikaverein deutscher Katholiken zwar die Sklaverei, umso entschlossener aber kämpfte der Verein im Auftrag des Erzbistums um die Seelen der Heiden in Afrika: Wer für die Missionierung eines "Heidenkindes" spendete, bekam quasi als Quittung ein Heiligenbildchen. Die Mission war nicht nur Selbstzweck: Sie legitimierte die Präsenz der Europäer in den Kolonien. Träger des Kolonialismus-Gedankens in Freiburg aber war eindeutig das bürgerlich-nationale Milieu – also die Elite Freiburgs in Politik, Wirtschaft und Militär.

Einen Höhepunkt der rassistischen und naiven Begeisterung für Afrika erlebte Freiburg 1935 mit der Austragung des Reichskolonialtages mit einer Ausstellung in der städtischen Festhalle samt Umzug. Die prestigeträchtige Veranstaltung hatte noch Oberbürgermeister Karl Bender nach Freiburg geholt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte sein Nachfolger Franz Kerber die Vorbereitungen nahtlos fort. Gauleiter Robert Wagner fungierte als Schirmherr. Die Begeisterung erfasste sogar den Berliner Zoo-Direktor, der Freiburg einen Löwen schenkte. Bis zu 25 000 Menschen strömten in die Ausstellung.

Das Freiburger Völkerkundemuseum, in dem ein groteskes Bild von den Menschen in den Kolonien gezeichnet wurde, war ebenso Publikumsmagnet. In einigen Jahren zählte die Ausstellung mehr Besucher als alle andere Museen in der Stadt. Mit neuen "Exponaten" wurde in der Zeitung geworben: So konnte man in einer Ausgabe 1904 – zur Zeit des von deutschen Kolonialtruppen blutig niedergeschlagenen Herero-Aufstandes – unter der Überschrift "neu ausgestellt" lesen: "Fische aus dem Bodensee", "Frau vom Stamme der Herero".

Der Anstoß zu der jetzt veröffentlichten Studie, die durch ein aufwendiges Quellenstudium und einer gründlichen Analyse überzeugt, kam von einer Ausstellung über den deutschen Kolonialismus im Kommunalen Kino 2012. Die anschließenden Diskussionen führte der Kommunalpolitik vor Augen, dass wenig über dieses Kapitel bekannt ist. Der Kultur- und der Migrationsausschuss des Gemeinderats regten schließlich die wissenschaftliche Aufarbeitung an. Es sollte vor allem festgestellt werden, welche Bevölkerungsschichten dem rassistischen Weltbild des Kolonialismus anhingen.

Grewe sagte am Freitag bei der Buchvorstellung, dass das Vorhaben in der vorgegebenen Zeit von 18 Monaten ohne das Expertenwissen seiner drei Mitarbeiter nicht möglich gewesen wäre. Mit Markus Himmelsbach, Johannes Theisen und Heiko Wegmann berief er drei Wissenschaftler in sein Team, die ihre Doktorarbeiten über Aspekte des Kolonialismus schreiben. Die Studie habe vor allem von der umfangreichen Materialsammlung Wegmanns profitiert, lobte Grewe. Wegmann war auch der Initiator der Ausstellung 2012. Er beschäftigt sich seit 2004 mit der kolonialen Vergangenheit. Als damals an den Herero-Aufstand im heutigen Namibia erinnert wurde, wunderte sich Wegmann, dass es bundesweit auf kommunaler Ebene keine Forschung zu diesem Thema gab. Grewe betonte am Freitag, dass das Buch nur ein Anfang der Kolonial-Erforschung ist. Dem soll aber immerhin bis 2021 eine große, vom Kulturamt organisierte Ausstellung folgen.
Freiburg und der Kolonialismus, herausgegeben vom Stadtarchiv Freiburg, 187 Seiten, 24,50 Euro

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