Züchtung des Heideggerianers

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 04. Juli 2015

Kultur

BZ-INTERVIEW mit dem Heidelberger Philosophen Reinhard Mehring über die Aufregung um die Schwarzen Hefte.

er Freiburger Philosoph Martin Heidegger hat 40 Jahre nach seinem Tod noch einmal für große mediale Aufregung gesorgt: Die Publikation seiner "Schwarzen Hefte" legte seine antisemitische Einstellung endgültig bloß. Der Freiburger Philosoph Günter Figal legte den Vorsitz der Heidegger-Gesellschaft nieder, die Universität will aus dem Heidegger-Lehrstuhl eine Juniorprofessur machen. Der in Heidelberg lehrende Politologe und Philosoph Reinhard Mehring stellt die Publikation der Hefte in der Heidegger-Gesamtausgabe in einen größeren Zusammenhang.

D
BZ: Herr Mehring, die Publikationen der Schwarzen Hefte hat die Debatte um Heideggers Antisemitismus erneut hochkochen lassen. Eigentlich war die Haltung des Philosophen gegenüber dem Nationalsozialismus doch bekannt. Warum die Aufregung?
Mehring: Es ist ein Unterschied, ob antisemitische Stellen von Heidegger aus brieflichen Äußerungen bekannt werden oder im Zusammenhang mit Schriften, die einen gewissen Werkcharakter haben und von Heidegger selbst ausdrücklich zur Veröffentlichung bestimmt wurden, dann auch noch nach dem Holocaust liegen und im Wissen um den Holocaust als gültige Aussage gemacht wurden. Insofern ist die Aufregung berechtigt. Das ist eine neue Qualität des Geltungsanspruchs dieser Sätze.

BZ: Wenn ich Sie recht verstehe, halten Sie die Äußerungen für besonders kritisch, die nach dem Krieg entstanden sind und im zuletzt erschienenen vierten Band der "Schwarzen Hefte", dem Band 97 der Gesamtausgabe, veröffentlicht wurden.
Mehring: Es macht einen Unterschied, ob man sich im Wissen um den Holocaust antisemitisch äußert oder nicht.
BZ: Was ist für Sie die bedenklichste Äußerung in diesem Band?
Mehring: Heidegger vergleicht durchgängig die alliierte Reedukationspolitik nach 1945, die er im Übrigen in Freiburg sehr bequem erlebt hat, mit dem Holocaust, und er lässt keinen Zweifel daran, dass er die "Verbrechen" der Alliierten für dramatischer hält als die Verbrechen der Nazis.

BZ: Muss eine solche Äußerung nicht Heideggers Denken allgemein diskreditieren?
Mehring: Insofern Heidegger als politischer Denker ernst genommen wird. Er war ein politischer Blindgänger hohen Grades. Von daher meine ich, dass die ...

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