Ausstellung

Surreale Erotik: Wong Ping und das Künstlerduo Daniel Dewar & Grégory Gicquel in der Kunsthalle Basel

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Do, 31. Januar 2019 um 19:30 Uhr

Kunst

"Sex ist die Sprache, nicht die Botschaft meiner Arbeiten", sagt Wong Ping. In der Kunsthalle Basel bespielt der 35-jährige Künstler fünf Säle mit seinen Video-Animationen.

Als Wong Ping im vergangenen Sommer mit dem Fahrrad durch Hongkong fuhr, querte ein alter Mann seinen Weg, auf dem Rücken ein prall gefüllter Müllsack. Mit Scheppern kippte er den bunten Inhalt in einen Container und verschwand. Als Wong Ping neugierig nachschaute, fand er Dutzende von Pornofilmen auf VHS-Videokassetten. Der 35-jährige Künstler fragte sich: Was mochte den Alten dazu gebracht haben, diese technisch antiquierte Videosammlung ausgerechnet jetzt zu entsorgen, zehn Jahre nach Schließung des letzten VHS-Werkes?

Der Animationsfilm, in dem Wong Ping die Begebenheit zu einer atemberaubend traurigen, absurden, mit perversen Fantasien gespickten Geschichte weiterspinnt, eröffnet jetzt seine Soloschau "Golden Shower" in der Kunsthalle Basel. Umgeben von Tausenden von Plastikgebissen, die von den Wänden blecken, erzählt "Dear, can I give you a hand?" in bunter 80er-Jahre-Computerspielästhetik vom Altern des Menschen und der Technik in einer Welt, in der alle nur gebannt nach vorne schauen, aber niemand darauf achtet, was zurückbleibt. Der kindliche Look dieses und anderer Filme von Wong Ping steht im Widerspruch zu ihren pornographischen Inhalten, die hier auf paradoxe Weise zugleich Bühne und Schutzraum bieten für poetische Miniaturen über Einsamkeit, Entfremdung, das Leiden an gesellschaftlichen Konventionen und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit in der Gegenwart der Sozialen Medien.

"Sex ist die Sprache, nicht die Botschaft meiner Arbeiten", sagt der 35-Jährige. In Basel bespielt er nun gleich fünf Säle mit seinen Video-Animationen, die vor ein paar Wochen erst im New Yorker Guggenheim Museum zu sehen waren, aber ebenso auf vimeo.com kostenlos abrufbar sind. In den Ausstellungsräumen winken dazu mal Hunderte von chinesischen Glückkatzen, deren Pfoten Wong Ping durch Dildos ersetzt hat, mal rotiert auf einem monströsen Schaft ein knallrotes Herz als Werbung für bizarre Videos über einen Bodybuilder mit Genitalproblemen oder die kreative Auslegung von Keuschheitsgeboten. Im letzten Saal stehen riesige aufblasbare Gummimöbel bereit, die dazu einladen, Platz zu nehmen, um die neuen "Fables" anzusehen.

Das Verstörende ist beabsichtigt

Dass man sich beim Ansehen dieser schrill animierten Porno-Märchen zugleich den Blicken der anderen Besucher aussetzt, ist verstörend, aber natürlich beabsichtigt. Denn Wong Ping geht es in seinen Arbeiten immer auch um die Frage, was genau noch den Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Raum in Zeiten von Tinder und Instagram markiert. Aus scheinbar völlig entgegengesetzter Perspektive wirft das britisch-französische Künstlerduo Daniel Dewar und Grégory Gicquel im Obergeschoss der Kunsthalle einen Blick auf die Gegenwart. Für ihre Schau "Mammalian Fantasies" haben die beiden den Oberlichtsaal mit deckenhohen Stoffbahnen in drei behagliche Räume unterteilt, in denen sie je ein Werkensemble aus Wandrelief, Sitzbank und Schrankmöbel, oder sagen wir besser: Wohnorganismus präsentieren. Das zumindest legen die üppigen Dick- und Dünndarmschlingen nahe, die sich als überdimensionale Griffornamente auf den Türen eines aus einem einzigen Eichenstamm geschnitzten Schrankes winden oder die zum gebeugten Ochsengespann mutierte Kommode nebenan.

Dewar und Gicquel arbeiten maximal analog. Als überzeugte Autodidakten delegieren sie keinen Handgriff an Experten, Assistenten oder Maschinen, alles wird selbst gemacht, von der Modellskizze über die Holzbearbeitung bis zur Montage. Derart ernst bei der Sache, überrascht umso mehr der schräge Humor ihrer Möbel, die immer zwischen Persiflage und Hommage volkstümlicher Tischlertraditionen schwanken, gepaart mit einem Hang zur Groteske und zu obsessiver Sinnlichkeit. Anders als im Museum üblich, dürfen, nein: sollen ihre Objekte angefasst werden. Die hölzernen Schnecken, die über die Sitzbänke kriechen ebenso wie die Schenkel des Liegenden, die Zitzen der Sau und die Windungen der Muschel auf dem massiven Eichenholzrelief an der Wand gegenüber. Auch wenn diese wuchtigen Hybride aus Skulptur und Möbel zunächst gar nichts mit Wong Pings Animationen im Erdgeschoss zu tun haben, so erweist sich hier nicht nur das Interesse an surrealer Erotik als gemeinsamer Nenner, sondern auch die gezielte Aufhebung der Regeln von Nähe und Distanz.

Kunsthalle Basel: bis 26. Mai, Di, Mi, Fr 11–18 Uhr, Do 11–20.30 Uhr, Sa, So 11–17 Uhr.