Gesprächsrunde

Lahrer Ärzte kritisieren Kassenärztliche Vereinigung

Wolfgang Beck

Von Wolfgang Beck

Mi, 04. September 2019 um 17:26 Uhr

Lahr

Während die Kassenärtzliche Vereinigung die Zahlen für die ärztliche Versorgung in Lahr "im grünen Bereich" ansiedelt, zeigten die zuständigen Mediziner bei einer Podiumsdiskussion ihren Frust.

Wie kann die ärztliche Versorgung in Lahr und Region verbessert werden? Darum ging es bei einem Gespräch mit Johannes Fechner, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KV), in der Stadtmühle. Die Informationen, die vor Ort auf den Tisch kamen, lieferten gehörig Sprengstoff. Johannes Fechner, stellvertretender Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (und Vater des gleichnamigen SPD-Abgeordneten, der zur Veranstaltung eingeladen hatte), berichtete über die vertragsärztliche Versorgung im Ortenaukreis.

Lahr ist laut KV besser als der Kreisdurchschnitt

So seien 35 Prozent der Hausärzte im Land älter als 65 Jahre. Überraschend für die anwesenden Ärzte: Laut Fechner bewegten sich die Zahlen für die hausärztliche Versorgung in Lahr im "grünen Bereich". Für Lahr nannte er 73,5 Hausarztstellen. Auch die Versorgungsgrade der Fachärzte seien nach Ansicht des stellvertretenden Vorsitzenden der KV gut. Das gelte für sämtliche Fachärzte, so Fechner. Das sorgte für ein erstes Grummeln aus den Reihen der Lahrer Ärzte.

"Lahr ist besser als der Kreisdurchschnitt", sagte der KV-Sprecher zur Versorgung mit Ärzten. Gearbeitet werde durchschnittlich 51 Stunden, so die Auskunft. Fechner forderte ein größeres Engagement der Kommunen. Angedacht wurden Zusammenführungen von Bestandspraxen und eine bessere Infrastruktur für die Erreichbarkeit von Praxen. Neue Behandlungsformen wie die Tele-Praxis wurden ebenfalls angesprochen, um einen schnellen Arzttermin zu bekommen.

"Mir kommt es vor, dass Patienten meinen, sie hätten eine goldene Versicherungskarte."Ein Hausarzt
Das sorgte für reichlich Contra aus den Reihen der Haus- und Fachärzte. Ein halbes Dutzend Mediziner aus Lahr war gekommen. "Alles Zukunftsmusik und in der Praxis untauglich", so die einhellige Meinung. Die Zahlen, die Fechner vorlegte, wurden von den Medizinern infrage gestellt. "Gefühlt geht alles für einen Termin zu lang", so eine Zuhörerin. Eine Krankenschwester aus Ettenheim berichtete vom anhaltenden Ärztemangel. Ärzte aus Lahr berichteten über zu lange Öffnungszeiten ihrer Haus- und Facharztpraxen mit Hunderten von Überstunden, die von der KV nicht bezahlt würden.

Dass auch medizinische Fachangestellte (MfA) im Raum Lahr fehlten, wurde ebenso thematisiert wie der beklagenswerte Zustand, dass nicht wenige Patienten ihren Termin wegen unwichtiger Gründe fallen ließen. "Mir kommt es vor, dass Patienten meinen, sie hätten eine goldene Versicherungskarte", sagte ein Hausarzt kritisch. Gleichzeitig steige der Aufwand für die Ärzte. Das ganze Krankensystem liegt im Argen", meinte Helga Pfahler von der SPD Hohberg. "Das ist alles ein Katastrophe."

Ärzte fordern Planungssicherheit

Auch zwei Ärzte mit Gemeinschaftspraxis für Chirurgie und Orthopädie in Lahr ließen vor den Vertretern der Politik und der KV kräftig Dampf ab: "Der Verwaltungsaufwand wird immer größer, die Investitionen in die Geräte ebenso." Gefordert wurden Planungssicherheit für junge Ärzte, Teilzeitmodelle und neue Kooperationsformen, was Fechner seitens der KV auch zusagte.

Die zunehmende Zahl von Patienten mit Migrationshintergrund mache die Arbeit nicht leichter, beklagten die Ärzte. Bürgermeister Guido Schöneboom bot den städtischen Dolmetscher-Pool an, um für Entlastung zu sorgen. Bedauert wurde, dass es zuweilen mit der Kommunikation zwischen Haus- und Fachärzten hapere und auch die angedachte Tele-Medizin (Doc direkt) mit der Digitalisierung nicht Schritt halte. "Ziel muss sein, alle Gesundheitsdaten auf einer Karte zu speichern", so der Wunsch der Ärzte.

Der Bundestagsabgeordnete Johannes Fechner versprach, seitens der Politik für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen. 150 neue Studienplätze für angehende Ärzte seien zu wenig, so der SPD-Politiker. Ein Wunsch war allen Beteiligten gemeinsam: ein engerer Austausch von Medizin und Politik.

"Wir kennen die Nöte und arbeiten an Perspektiven", sagte Schöneboom. Eine Perspektive nannte er: "Ein Facharztzentrum ist in Planung."