Hitzeschäden

Land muss fast 340 Millionen Euro für Wald-Aufforstung in die Hand nehmen

Martin Oversohl, dpa

Von Martin Oversohl & dpa

Sa, 07. Dezember 2019 um 17:37 Uhr

Südwest

Dürre, Stürme, Borkenkäfer haben dem Wald zugesetzt. Was kostet es, den Forst wieder zu dem zu machen, was er sein soll? Klar ist: Es geht um gewaltige Flächen und Summen.

Stellen Sie sich einen Fußballplatz vor. Und noch einen. Dann einen dritten daneben und so weiter. Die Fläche von annähernd 46 000 Fußballplätzen nehmen die Bäume ein, die die Hitze und den Borkenkäfer in den vergangenen beiden Sommern und den nächsten beiden Jahren in Baden-Württemberg nicht überstanden haben und nicht überleben werden. Fichten und Buchen sind vor allem dabei, Tannen und Kiefern auch.

Um diese gewaltige Fläche erneut zu bepflanzen und zu begrünen, muss das Land im Zeitraum zwischen 2018 und 2021 fast 340 Millionen Euro in die Hand nehmen. Es müsse eine Fläche von rund 15 600 Hektar bepflanzt werden, wie aus Hochrechnungen des Forstministeriums hervorgeht.

Besonders betroffen sollen Privatwälder sein

Beschädigt worden sei sogar eine doppelt so große Fläche. Allerdings ist geplant, etwa 17 000 Hektar durch eine sogenannte Naturverjüngung zu bepflanzen, einer Art Wald-Erneuerung zum Nulltarif. Dabei wird das heruntergefallene Saatgut eines Baumes in den Waldboden eingearbeitet. So kann sich aus der selbstständigen Saat umstehender Bäume ein neuer Jungbestand entwickeln.

Besonders betroffen seien die Privatwälder. Dort liegt die Masse an Schadholz nach den Erhebungen des Ministeriums bei rund 9 Millionen Erntefestmetern zwischen 2018 und 2021. Im Kommunalwald sind es demnach 7,4 Millionen und im Staatswald 4,9 Millionen. "In Bannwäldern, Kernzonen der Biosphärengebiete sowie im Nationalpark wird bewusst auf Pflanzungen und Wiederaufforstungen verzichtet", teilt das Ministerium weiter mit.

Beim Verjüngen setzt das Land auf "neue und zukünftige Baumarten", wie es heißt. Hoffnungen setzen die Experten auf Baumsorten wie die aus Nordamerika stammende Douglasie oder die Roteiche, die in Südeuropa wächst. Aber auch der Tulpenbaum und die Baumhasel, die Edelkastanie, Hainbuche und Sandbirke, die Japanische Lärche und die Robinie haben Aussicht, künftig stärker in baden-württembergischen Wäldern vertreten zu sein. "Bei der anstehenden Wiederbewaldung wird darauf geachtet, den Wald mit standortangepassten und klimaresilienten Baumarten an die Herausforderungen des Klimawandels anzupassen", sagt Forstminister Peter Hauk (CDU). Denn viele der derzeit dominierenden Baumarten würden durch Trockenheit und Hitze Probleme bekommen.

Das Problem: In den Forstbaumschulen wachsen diese Arten noch nicht ausreichend. Die Nachfrage war bislang gering, die risikoreiche Produktion der Bäume kostet mehr als bei einer Standardware. "Die Versorgungslage in den Pflanzschulen ist unterschiedlich, aber insgesamt jetzt schon angespannt", warnt Jerg Hilt, der Geschäftsführer der Forstkammer Baden-Württemberg. Es ist außerdem noch unklar, welche Folgen viele dieser neuen Baumarten für die Fauna und Flora haben. Anbauerfahrungen gibt es bislang kaum.

"Es sind nahezu alle Arten betroffen. Und unsere heimischen Baumarten stoßen an ihre Grenzen" Forstminister Peter Hauk
Das Landeswaldgesetz schreibt Waldbesitzern vor, Waldflächen innerhalb von drei Jahren wieder aufzuforsten durch Naturverjüngung, Pflanzung oder Saat. Bis alleine die Schäden der vergangenen zwei Jahre beseitigt sind, dürfte aber weit mehr Zeit vergehen: "Die Wiederaufforstung aller Flächen wird etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen", schätzt Hilt.
Die Flächen müssten frei geräumt werden, danach werde oft bis zu drei Jahre gewartet, ob sich eine natürliche Waldverjüngung einstellt. "Wenn das nicht geht oder nicht erfolgreich ist, wird gepflanzt", sagt Hilt. Erst nach frühestens weiteren fünf Jahren könnten Förster und Waldbesitzer davon ausgehen, dass die Wiederbewaldung funktioniert hat. Vorausgesetzt, die Temperatur in den kommenden Sommern dreht nicht wieder so folgenschwer auf.

Bereits der Ende Oktober vorgestellte Waldzustandsbericht 2019 hatte Baden-Württembergs Wäldern große Schäden durch extreme Hitze und Dürre des Vorjahres sowie den Baumschädling Borkenkäfer bescheinigt. Demnach fällt im Rheintal die Kiefer auf großen Flächen aus, in weiten Teilen Baden-Württembergs gibt es immense Schäden bei Tannen und der Fichtenbestand ist massiv vom Borkenkäfer geschädigt worden. Laut Waldzustandsbericht ist nur jeder fünfte Baum ungefährdet, 43 Prozent der Waldfläche Baden-Württembergs gelten sogar als "deutlich geschädigt". "Es sind nahezu alle Arten betroffen. Und unsere heimischen Baumarten stoßen an ihre Grenzen", sagt Hauk.