Leserbriefe

Hans-Jürgen Günther

Von Hans-Jürgen Günther (Emmendingen)

Mi, 09. September 2020

Emmendingen

GESCHICHTE DER KAPELLE
"Schuster, bleib bei deinen Leisten"
Zum BZ-Artikel "Humanisten wollen neue Runde in Tennenbachstreit" vom 4. September schreibt der Mitherausgeber und Mitautor des Forschungsberichtes "850 Jahre Zisterzienserkloster Tennenbach":
Zur Erinnerung: Bei der sogenannten Säkularisation hatte sich Napoleon, damals fast unumschränkter Machthaber Europas, generös gezeigt. Klöster, Abteien, ja ganze Bistümer, die ihm gar nicht gehörten, verschenkte er an deutsche Landesfürsten. Die ließen sich das Schnäppchen nicht entgehen und griffen sofort zu, zum Beispiel Markgraf Karl Friedrich, der so sein altes Baden um das Vierfache vergrößern konnte. Hierzu pflegte der geschichtskundige Alt-Landrat Dr. Lothar Mayer zu sagen: "Dazu kroch Karl Friedrich dem Napoleon in sämtliche Körperöffnungen…" Für Tennenbach hieß das: Die Mönche wurden vertrieben – widerstandslos, ihres Eigentums beraubt, die Gebäude abgerissen und die wertvollen (!) "Steinhaufen" verkauft.

Rechtsanwalt Kauß, offensichtlich Bannerträger der Ideologie der Humanistischen Union, behauptet nun: "Der Staat habe aus einem ’damals wertlosen Steinhaufen’ auf Kosten des Steuerzahlers einen ’schmucken und charaktervollen Kapellenraum’ gemacht…" Mit dieser Einschätzung setzt sich Kauß nicht dem Verdacht aus, genauere Kenntnisse über die Geschichte Tennenbachs und seiner Kapelle zu haben.

Zur Information: So wie das Gotteshaus heute im Tal steht, konnte man es fast unverändert seit dem 13. Jahrhundert sehen. Bis 1836 fanden hier regelmäßig Gottesdienste statt. Für knapp sechs Jahrzehnte war es dann der Beliebigkeit der Bevölkerung ausgesetzt, die darin unter anderem landwirtschaftliche Gerätschaften aufbewahrte. Danach war in der Tat der Innenraum renovierungsbedürftig.

Die katholische Pfarrgemeinde St. Bonifatius beteiligte sich unaufgefordert mit einer ansehnlichen Summe an der Finanzierung des Altars. Den alten hatte man ja "staatlich" abreißen lassen – er hatte beim Abstellen der Fuhrwerke gestört.

Nach Übertragung der Nutzungsrechte besorgte St. Bonifatius die Aufstellung der "schmucken" Kirchenbänke, auf eigene Kosten! Den "charaktervollen Kapellenraum" hatten die Zisterzienser damals so solide gebaut, dass lediglich Schönheitsreparaturen ihn wieder erstrahlen ließen. Denn: Zu einem "Steinhaufen" zusammengeschlagen – wie das Kloster – wurde die Kapelle nie. Hat es die Humanistische Union nötig, auf dem Niveau vom Trump’schen "alternativen Fakten" Desinformationen zu streuen? Dem Juristen Udo Kauß kann ich nur raten: "Schuster, bleib bei deinen Leisten."

Hans-Jürgen Günther, Emmendingen

ENTSCHEIDUNGSTRÄGER
"Hier geht es ums Prinzip"
Zum BZ-Artikel "Humanisten wollen neue Runde im Tennenbach-Streit" und zum Kommentar von Patrik Müller vom 4. September:
Natürlich ist die Berufung wichtig. Hier geht es nicht ums recht haben und Sturheit, sondern ums Prinzip. Vor 214 Jahren, also im vorletzten Jahrhundert (!) gab die Kirche die Tennenbacher Kapelle an das badische Land zurück. Seitdem blecht der Steuerzahler, ob kirchlich verortet oder nicht, für den Erhalt dieses kulturellen Kleinods. Und das ist auch gut so!

Die Kirche trug seither mit keinem Taler hierfür bei. Es ist eine Frechheit sondergleichen, wie diese dazu kommt, sich als Alleinherrscher dieses vom Steuerzahler zu bezahlenden Denkmals aufzuplustern. Die Humanistische Union will eine Veranstaltung abhalten über das Verhältnis von Staat und Kirche. Die Kirche, voran der katholische Pfarrer Rochlitz, will die Veranstaltung in der ehemaligen Kapelle nicht erlauben. Diese Kirche mit ihren sowieso inneren demokratischen Defiziten kann und darf hier nicht zum Entscheidungsträger werden. Sie sollte ihre Defizite nicht in die demokratische Gesellschaft weiter transportieren. Wären die darüber entscheidenden Richter in eben jener Kirche Mitglied, würde ich diese als befangen betrachten.

Günter Stein, Teningen

UMNUTZUNG DER KIRCHE
"Mich wundert die ablehnende Haltung"
Zum BZ-Artikel "Humanisten wollen neue Runde im Tennenbach-Streit" vom 4. September:
Mich verwundert die ablehnende Haltung der Katholischen Kirchengemeinde Sankt Bonifatius gegen eine Nutzung der Kapelle in Tennenbach durch andere Gruppen, die ihr offensichtlich nicht genehm sind. Der kleine Bau gehört den Bürger*innen des Landes Baden-Württemberg und wird auf Kosten aller Steuerzahler unterhalten. Die Umgebung wird unter anderem von dem Arbeitskreis Freund*innen des Tales des Kulturkreises sauber gehalten.

Dennoch will die Landesverwaltung eine Diskussion zur Geschichte des Kapellenraumes in Verbindung mit dem Verhältnis von Staat und Kirche, über die Straßenplanung im Tal, ja selbst eine Kunstausstellung, nicht zulassen. Dabei hat die Kirche selbst kein Problem damit, ihren eigenen tatsächlichen Sakralraum, die Pfarrkirche Sankt Johannes, zum lokalen Musik-, Pop- und Kabarettzentrum umzufunktionieren.

Wenn es der eigenen Außenwerbung dient, und wenn das "Konzept, Kirche als freundlichen und für alle Menschen offenen Ort zu präsentieren", aufgehen soll, wie die BZ den Hausherrn, Pfarrer Rochlitz zitiert (BZ vom 12. August), dann geht selbst das. Dabei wird offenbar nicht getrennt, was der Wille der Vertreter der Kirchengemeinde und was die Aufgabe der Landesverwaltung als Vertretung der Bürgerschaft ist. Ob der Kirche mit ihrem sprichwörtlich großen Magen Ausgrenzung und Verbote von Diskussionen, die ihr nicht ins Konzept passen, wirklich gut bekommen, das wird sich zukünftig erweisen. Für die Landesverwaltung sollte das auf jeden Fall egal sein.

Ingrid Bockstahler, Teningen