LESETIPP: Anregende Asphaltkultur

Willi Adam

Von Willi Adam

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Wer 100 Jahre zurückschauen will, findet viele gute Geschichtsbücher über die Weimarer Republik. Historisch wird die kurze Spanne zwischen 1918 und 1933 meist von ihrem fatalen Ende her betrachtet, eben als eine Geschichte des Scheiterns. Sabina Becker, Literaturwissenschaftlerin an der Uni Freiburg, geht mit ihrer Kulturgeschichte "Experiment Weimar" einen etwas anderen Weg. Zwar analysiert auch sie die republikfeindlichen geistigen Linien vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus. Aber in den Vordergrund rückt sie doch die Leistungen jener Jahre: Bauhaus, Neue Sachlichkeit, Moderner Tanz, Frauenkultur und all die neuen formalen Ansätze in der Literatur stellt die Autorin als Beiträge von internationalem Rang heraus, die eben keineswegs mit der Republik untergegangen sind. Ein zentrales Stichwort ist der Begriff der Massenkultur, wobei die Masse als modernes Phänomen sowohl Thema als auch Zielpublikum ist. Eben Geschichten von kleinen Leuten in großen Städten. Beckers Buch macht Lust auf mehr. Zu gerne möchte man all die von ihr erwähnten Bücher, Filme und Bilder, kurz: die ganze Asphalt-Kultur der 1920er-Jahre (neu) entdecken.

Sabina Becker: Experiment Weimar. Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918 – 1933. Verlag wbg Academic, Darmstadt 2018. 608 Seiten, 69,95 Euro.