LESETIPP: Auf der Spur der Container

Hans-Peter Müller

Von Hans-Peter Müller

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Schon Format und Aufmachung von "Überfahrt" sind ungewöhnlich. Das Werk der beiden "Künstler", wie sich Fotograf Michael Disqué und Autor Roman Ehrlich in ihrer "teilnehmenden Selbstbeobachtung" benennen, kommt daher wie ein Reiseführer. Mit seewasserfestem Plastikumschlag und Hochglanzpapier für die zwischengeschalteten, künstlerisch anspruchsvollen, dem spröden Sujet entsprechenden Fotostrecken. Die sechs umfänglichen, in äußerst komplexem Satzbau dargebotenen Essays rund um ihre Fahrt auf einem riesigen Containerschiff von Hamburg ins chinesische Qingdao sind der Abgesang auf jedwede Seefahrerromantik. Und passen perfekt in eine Corona-Zeit, die kritisch-philosophische Gedanken über Globalisierung und Welthandel heraufbeschwört, für die der Container als leere, beliebig zu befüllende Hülle das bestimmende Symbol darstellt. Die Entmystifizierung dessen, was in vielen Köpfen an Abenteuern à la "Schatzinsel", Seeschlachtengetümmel oder humboldt’schen Entdeckerreisen herumspukt, ist total. 30 Mann Besatzung erleben eine 100 Tage währende, von der Reederei ferngesteuerte Ödnis. In der sind die Karaoke-Abende im Aufenthaltsraum, der "maximal statisch und doch in ständiger Bewegung ist" das Einzige, was "die Losgelöstheit vom Weltgeschehen" erträglich macht.

Michael Disqué (Fotografie) und Roman Ehrlich (Text): Überfahrt. Text-Bild-Essay. Spector Books, Leipzig, 2020. 338 Seiten; 22 Euro