LESETIPP: Die Macht Des Erzählens

Hannes Lauber

Von Hannes Lauber

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Ein alter Mann sucht in Bukarest einen hochgestellten Militär auf, der einst sein Schüler war. Doch der Militär gibt vor, ihn nicht zu kennen, seine Schule in der Mantuleasa-Straße nie besucht zu haben. Der Alte hat sich verdächtig gemacht, wird inhaftiert und verhört. Er ist kooperativ und beginnt weitschweifend zu erzählen, von den Mitschülern von damals, von deren Herkunft und Vorfahren, von einem Rabbi, der in einer geheimnisvollen Quelle verschwunden ist und einer heldenhaften Braut in den rumänischen Bergen – und immer
findet er kein Ende, denn dazu gehört
ja noch "eine ganz andere Geschichte". Die, die ihn verhören, sind die ausschweifenden Schilderungen bald leid, doch zugleich treibt sie ihre Neugier, all dem nachzugehen, aus Angst, nicht im Bilde zu sein und Kontrolle zu verlieren. Am Ende gerat-en sie selbst in die Mühlen der totalitären Gewalt und gehen daran zugrunde. Eine Parabel auf den autoritären, scheinbar allmächtigen Staat und die Gegen-Macht des Erzählens.

Mircea Eliade: Auf der Mântuleasa-Straße. Aus dem Rumänischen von Edith Horowitz-Silbermann. Roman. Bibliothek Suhrkamp. 167 Seiten; 11,95 Euro