LESETIPP: Die Tochter der Kosaken

Dietmar Ostermann

Von Dietmar Ostermann

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Vor dem Urlaub ein Ritual: In die Bibliothek, ziellos durch die Gänge, bis der Blick irgendwo hängen bleibt. Diesmal: Leo Tolstoi, "Die Kosaken". Für mich ist Tolstoi der russischste russische Dichter und bis heute die klügste literarische Quelle, wenn man das komplizierte Verhältnis zwischen den Bergvölkern des Kaukasus und den Russen verstehen will. In der Novelle "Die Kosaken" lässt er den russischen Adligen Dmitrij Olenin, angeödet vom Moskauer Salonleben, als Soldat in den Kaukasus ziehen. Einquartiert bei Kosaken, verliebt er sich in die Tochter der Gastgeber, Marjanka. Olenin bewundert das freie Leben der Kosaken, jener legendären Bewohner der russischen Grenzdörfer. Er will einer von ihnen werden, was scheitern muss – ebenso wie seine Liebe. Wie oft bei Tolstoi lebt die Geschichte von präzisen Beobachtungen. Er schildert die Bewohner des Kaukasus und der angrenzenden Steppe mit unsentimentaler Sympathie, die russische Armee kommt mit ihrer oft sinnlosen Brutalität auch in anderen Erzählungen des Bandes nicht gut weg.

Leo Tolstoi: Die Kosaken. Erzählungen. Aus dem Russischen von Arthur Luither. Diogenes Verlag, Zürich 2006. 532 Seiten, 12,90 Euro.